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Silvio Gesell



Jean Silvio Gesell (* 17. März 1862 in Sankt Vith (heute: Belgien); † 11. März 1930 in Eden, Oranienburg) war ein Kaufmann, Finanztheoretiker und Begründer der Freiwirtschaftslehre.

Table of contents
1 Leben
2 Recherchen und Beobachtungen
3 Einsichten und Konsequenzen
4 Stabiles Geld - Stabile Wirtschaft
5 Politisches Engagement
6 Schriften
7 Die aktuelle Bedeutung Gesells
8 Weblinks

Leben

Seine Mutter war Wallonin, sein Vater stammte aus Deutschland. Nach dem Besuch der Bürgerschule in St. Vith (Kreis Malmédy, damals noch Dt.-Reichsgebiet) wechselte Gesell zum Gymnasium in Malmédy. Er musste schon früh eigenes Geld verdienen und trat in den Dienst der deutschen Reichspost ein. Die Beamtenlaufbahn lag ihm nicht. Er beschloss, in Berlin bei seinen älteren Brüdern Kaufmann zu lernen.

Danach lebte er zwei Jahre als Korrespondent in Málaga (Spanien). Widerwillig kehrte er nach Berlin zurück, um den Militärdienst abzuleisten. Danach arbeitete er als kaufmännischer Angestellter in Braunschweig und Hamburg.

1887 ging er nach Buenos Aires (Argentinien), wo er sich selbständig machte und eine Filiale des Berliner Geschäfts eröffnete. Das durch heftige Wirtschaftskrisen geschwächte Land regte ihn zum Nachdenken über die strukturelle Problematik des Kapitalismus an.

Recherchen und Beobachtungen

Während die Industrialisierung in Europa zu jener Zeit bereits voll entwickelt war, behinderte die spanische Kolonialmacht eine eigenständige Entwicklung Argentiniens. Die spanische Regierung war nur an den berühmten Silbervorkommen (daher "Argentinien") interessiert, nicht jedoch an einer eigenständigen Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Dies hätte Spanien zu wichtigen Importen aus der eigenen Kolonie genötigt.

Nach dem Sturz des Diktators Juan Manuel de Rosas trat 1853 eine liberale Verfassung in Kraft, die das Land auch für Einwanderer öffnete.

Die Wirtschaft begann zu blühen, Schafswolle wurde zum wichtigsten Exportartikelartikel. Ein Rückgang der Weltkonjunktur Mitte der 1870er Jahre und die Einführung einer mit Gold gedeckten Währung führte um 1890 erneut zu einer Wirtschaftskrise. Die exportorientierte Wirtschaft wurde durch die Golddeckungsvorschriften gefesselt. Es entwickelten sich die typischen Zeichen einer deflationären Abwärtsspirale: Abnehmende Geldmenge —> Sinkende Löhne —> Geldhortung (Konsumrückgang) —> Warenstau —> Firmenpleiten —> Entlassungen —> Massenarbeitslosigkeit.

Der Versuch, mit einer Inflation gegenzusteuern scheiterte, weil die Menschen das neue Geld aus Zukunftsangst erneut horteten. Das Warenangebot blieb überhöht, die Preise sanken wieder schnell auf das alte Niveau. Langfristige Preiserhöhungen hätte die Menschen zu mehr Konsum getrieben und die heimische Wirtschaft wieder angekurbelt.

Diese ökonomischen Instabilitäten brachten ihn im eigenen Geschäftsinteresse zum Nachdenken über das Wesen des Geldes.

Einsichten und Konsequenzen

Gesell kam daher zu folgender Überzeugung:

Alles in der Natur unterliegt dem rhythmischen Wechsel von Werden und Vergehen - nur das Geld scheint der Vergänglichkeit allem Irdischen entzogen. Da das Geld im Gegensatz zu den Waren weder "rostet" noch "verdirbt", kann der Besitzer abwarten, bis die Waren billig genug für ihn sind. Händler werden gezwungen, ihre Preise zu senken. In der Folge müssen sie ihre Kosten durch Kredite decken. Diesen Bedarf lässt sich der Geldbesitzer nun durch eine Zinsforderung belohnen. Diese Zinseinnahmen kommen aber nicht der Gemeinschaft zugute, sondern werden erneut verliehen (Zinseszins). Auf diese Weise wird dem Wirtschaftskreislauf immer mehr Geld entzogen. Es werden Reichtümer dort "leistungslos" angehäuft, wo sie nicht benötigt werden. Im Gegenzug wird der arbeitenden Bevölkerung das "erwirtschaftete" Geld weggenommen. Um diese Vormachtstellung zu überwinden, muss das Geld in seinem Wesen der Natur nachgebildet werden.

Geld soll nach dem Vorschlag von Gesell "rosten", das bedeutet, es soll periodisch an Wert verlieren. Sobald es "vergänglich" ist, hat es auf dem Markt keine Vormachtstellung ("Liquidität") mehr gegenüber der menschlichen Arbeit und den Gütern, so dass es sich ohne Zinsforderung dem Markt als Diener zur Verfügung stellen muss. So dient das Geld dem Menschen, und nicht der Mensch dem Geld.

Die Aufwertung auf das alte Niveau solle mit einer "Umlaufsicherungsgebühr" erfolgen. Die muss aber nur derjenige zahlen, der das Geld hortet, also der Wirtschaft schädigt. Jeder würde also bestrebt sein, sein Geld nicht zu lange aufzubewahren. Wer keine Waren benötigt, könne damit regelmäßig seine Schulden, seine Rechnungen, seine Miete und so weiter bezahlen. So stehe jedem jederzeit genügend Geld zur Verfügung.

Darum nannte Gesell es "Freigeld". Es ist jederzeit frei verfügbar, denn niemand würde so dumm sein und einen fortschreitenden Wertverlust gen Null hinnehmen. Ein solches Geld sei wahres Geld, denn Geld soll ja nur als Tauschmittel dienen, und nicht als Hortungsmittel die Wirtschaft lähmen.

Stabiles Geld - Stabile Wirtschaft

Durch den beständigen Geldumlauf könne seine Menge so dosiert werden , dass die Kaufkraft der Währung und damit auch die Preise stabil bleiben. Natürliche Preisschwankungen würde es durch permanente Innovationen immer geben. Aber daran würde sich niemand stören. Die veralteten Produkte würden schnell vom Markt gefegt, und sei es durch Spende an die Bedürftigen. Es würde also keine massiven Schwankungen in der Wirtschaft mehr geben, keine störenden Deflationen und Inflationen. Auch die sozialen Unruhen durch hohe Arbeitslosigkeit würden, laut Gesell, dauerhaft beseitigt.

Die Entdeckung einer von ihm als der Natur gemäß empfundenen Geldordnung gab dem Leben Gesells eine entscheidende Wende. Er wurde zum Sozialreformer, seine Gedanken waren ein wichtiger Beitrag zur Lösung der sozialen Frage. Es entstanden seine Frühschriften Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat, Nervus rerum und Die Verstaatlichung des Geldes. Ihnen folgte eine Fülle von Broschüren, Büchernn und Aufsätzen in deutscher und spanischer Sprache.

Im Jahre 1900 zog Gesell in die Schweiz, um sich auf einem Bauernhof bei Neuchatel der Landwirtschaft und autodidaktischen wirtschaftstheoretischen Studien zu widmen. 1916 erschien sein Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld", das seither viele Neuauflagen und Übersetzungenen erlebte.

Politisches Engagement

Im April 1919 wurde er von Ernst Niekisch zum Volksbeauftragten für Finanzen ernannt, hatte dies jedoch nur eine Woche inne. Nach dem Ende der Bayerischen Räterepublik wurde Gesell zunächst des Hochverrats angeklagt, später jedoch freigesprochen. Wegen seiner Beteiligung an der Münchner Räterepublik wurde ihm von den Schweizer Behörden die Rückkehr auf seinen Bauernhof verweigert.

Daraufhin zog Gesell sich auf die von Franz Oppenheimer mitbegründete Genossenschaftssiedlung Eden-Oranienburg zurück. Dort verstarb er am 11. März 1930 – zu früh, um zwei erfolgreiche Experimente mit seinem Freigeld in Schwanenkirchen im Bayerischen Wald und Wörgl in Tirol noch mitzuerleben. Auch das von Dr. Nordwall auf der Insel Norderney durchgeführte WÄRA-Freigeldexperiment gehört in diese Reihe freiwirtschaftlicher Feldstudien.

Diese Projekte konnten den schlimmen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren trotzen. Seine Ideen haben dort sehr gut funktioniert. Allerdings machten die Verantwortlichen den Fehler, "echte Noten" in Konkurrenz zu den Nationalbanken zu drucken. So konnten die Projekte verboten werden.

Dies taten, Kritikern zufolge, die Banken in ihrem eigene Interesse, aber nicht im Interesse der Bevölkerung, die sofort wieder verarmte. Überall in der Welt hatte man von den Projekten gehört. Besonders in Frankreich und den USA wollte man sie nachahmen, um die heimischen Krisen in den Griff zu bekommen.

Schriften

(noch nicht vollständig!)

Die aktuelle Bedeutung Gesells

Die absehbare deflationäre Entwicklung in Deutschland hat in einigen Regionen zur Rückbesinnung auf die Ideen Gesells geführt.

So sind in Bremen, Schleswig-Holstein, Hessen und Bayern so genannte "Regionalgeld-Initiativen" entstanden, mit denen die lokalen Wirtschaftskreisläufe wieder belebt werden.

Das Regionalgeld fungiert als "Komplementärwährung" zum Euro, und ist ihm gegenüber mit 1:1 gedeckt. Die Umlaufsicherung wird durch eine befristete Gültigkeit wie bei Gutscheinen erreicht. Die Fälschungssicherheit wird ähnlich gewährleistet wie bei den Banknoten.

Siehe auch: Umlaufgesichertes Geld, Zins, Deflation, Inflation, Hyperinflation, Wirtschaftskrise

Weblinks




     
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