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Komplementärwährung



Table of contents
1 Einleitung
2 Beispiele aktueller Komplementärwährungen
3 Literatur
4 Web-Links

Einleitung

Eine Komplementärwährung (frz. complément = Ergänzung) ist eine Währung, die den Charakter einer Komplementarität hat. Sie ist die Vereinbarung innerhalb einer Gemeinschaft, etwas zusätzlich neben dem offiziellen Geld als Tauschmittel zu akzeptieren. Diese zusätzliche Währung kann sowohl eine Ware, eine Dienstleistung oder eine geldäquivalente Gutschrift sein. Sie wird in dem Sinne als "Geld" aufgefasst, dass sie die ursprüngliche und eigentliche Funktion des Geldes als "Tauschmittel" erfüllt.

Ziel einer solchen Vereinbarung ist es, bestehende soziale, ökonomische und ökologische Ungleichgewichte zu kompensieren, die sich aus der Monopolstellung der offiziellen Währung bei lang andauernder Knappheit ergeben, ohne die Standardwährung gänzlich zu verdrängen. Die Komplementarität bewirkt durch die antizyklischen Umlaufgeschwindigkeiten beider Währungen die Stabilisierung räumlich definierter Wirtschaftskreisläufe, wo eine Monopolwährung einen konstanten Geldfluß nicht gewährleistet. Dies wird durch zahlreiche historische und aktuelle Beispiele belegt.

Je nach Verwendungszweck und Geltungsbereich werden bereits seit vielen Jahrhunderten kombinierte Währungssysteme innerhalb von Gemeinschaften erfolgreich praktiziert. Meist wird es so gehandhabt, dass Steuern nur mit dem gesetzlichen Zahlungsmittel beglichen werden können, Alltagsgeschäfte im Waren- und Dienstleistungsbereich hingegen zu einem Teil auch mit der Zweitwährung bezahlt werden können. Besonders im Zuge der fortschreitenden Globalisierung haben sich seit den 1990er Jahren weltweit zahlreiche Komplementärwährungen etabliert, mit denen ökonomisch geschwächte und benachteiligte Regionen ihre Wirtschaft revitalisieren und sich von äußeren Geldgebern unabhängig machen konnten. Auf diese Weise werden z.B. hohe Arbeitslosigkeit, wachsende Verschuldungen, Verarmung und Umweltschäden durch rentable Nutzung alternativer Ressourcen dauerhaft rückläufig.

Schließlich geht es bei komplementären Währungssystemen auch um effektive und nachhaltige Methoden zur Bewahrung einer weltweiten kulturellen Vielfalt, um Selbstbestimmungsrechte und um die Vermeidung lang anhaltender sozialer Unruhen, sofern diese durch monetäre Unterversorgung verursacht werden. Die Geschichte zeigt, dass solche Unruhen häufig zu blutigen Revolutionen und Kriegen führen.

Beispiele aktueller Komplementärwährungen

Die Banjar auf Bali

Auf Bali besteht seit über 1000 Jahren ein soziales, ökonomisches und kulturelles Netzwerk. Die wichtigste Organisationsstruktur ist die "Banjar" (= Nachbarschaft) zur Regelung ziviler Aspekte innerhalb der Gemeinschaft. Sie wird bereits 914 schriftlich erwähnt. Alle Banjar sind auf lokaler Ebene basisdemokratisch und dezentral organisiert. Allmonatlich finden in den Dörfern und Städten öffentliche Ratsversammlungen statt, in denen über laufende und neue Projekte beraten wird. Für die finanziellen Planungen stehen prinzipiell zwei komplementäre Budgets zur Verfügung: zum einen die indonesische Rupiah, das gesetzliche Zahlungmittel des Archipels, zum anderen die "nayahan banjar" (= Arbeit für das Gemeinwohl), eine "Zeitwährung" deren Recheneinheiten durch Dienstleistungen gebildet werden. Die Geld- und Zeiteinheiten werden für jede Familie festgelegt. Der Zeitwert, den jeder für gemeinschaftliche Projekte aufbringen muss, wird sogar höher angesehen als Bargeld, da die gegenseitige Hilfe den Zusammenhalt besser fördert. Dementsprechend führen Verweigerungen ab einem bestimmten Ausmaß zur Ächtung innerhalb der Gemeinschaft.

Alle anstehenden Arbeiten in einer Gemeinde sind auf diese Weise "finanziell" abgesichert. Bezahlt wird entweder mit Rupiah oder mit aktiver Arbeitsleistung. Dadurch werden alle vorhandenen Ressourcen mobilisiert, um die beschlossenen Projekte umzusetzen. Zeit wird gleichwertig als eine Art von Geld angesehen. Wer viel Geld verdient, hat wenig Zeit für die Gemeinde. Und ärmere Menschen, die wenig Rupien verdienen, können durch Zeitarbeit ihr "Gehalt" aufbessern. So trägt das duale Währungssystem dazu bei, soziale Unterschiede einzuebnen, kulturelle Traditionen zu bewahren und die Wirtschaft zu stabilisieren. Sogar der jährliche Massentourismus auf Bali konnte diesen traditionellen Zusammenhalt der Bevölkerung nicht so unterwandern, wie man es in anderen "Urlaubsparadiesen" beobachtet. Dort ist häufig ein Zerfall der Gesellschaft in profitierende Eliten und verarmende Massen zu beobachten.

Zitate von Führern einiger Banjar-Räte:

"Was den Zusammenhalt in Gemeinschaft und Kultur angeht, ist die Banjar stärker als die Religion."

"Die Banjar ist es, welche die Gemeinschaft, uns alle, zusammenhält."

"Die Banjar ist das wichtigste Organisationsprinzip, das den balinesischen Charakter trägt."

Das Muschelgeld auf Papua-Neuguinea

Papua-Neuguinea gehört zu den wenigen Entwicklungsländern, die sich trotz des Globalisierungsdrucks ihre kulturelle Identität, den sozialen Zusammenhalt und eine wirtschaftliche Beständigkeit bewahren konnten. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Komplementarität von "Kina" (gesetzliches Zahlungsmittel) und dem traditionellen Muschelgeld der einheimischen Bevölkerung. Einige Provinzregierungen haben die sozio-ökonomischen Vorteile eines dualen Währungssystems erkannt und fördern ihren Gebrauch. Die weitverbreitete Subsistenzwirtschaft in den Regionen lässt sich mit einer solchen Kombination besser bewältigen, als mit nur einer Währung.

Im Februar 2002 wurde in der Nähe von Rabaul auf der Insel New Britain die weltweit erste Muschel-Bank eröffnet. Die Wechselstube befindet sich in der Provinz East New Britain. Dort stellen die Tolai die größte Bevölkerungsgruppe. Traditionell bezahlen die Tolai mit Muschelgeld. Die Einheit sind "fathoms", das sind Geldschnüre, die zwischen zwei ausgestreckte Arme reichen. Bereits 2001 hat die Provinzregierung von East New Britain sogar die Zahlung von Steuern mit Muschelgeld genehmigt. Die "Tolai Exchange Bank" wechselt das Muschelgeld in harte Währung, den Kina. Der aktuelle Wechselkurs beträgt vier Kina für ein fathom. Allein auf der Gazelle-Halbinsel schätzt man einen Umlauf von Muschelgeld in Höhe von acht Millionen Kina.

Curitiba, Brasilien

Das rapide Bevölkerungswachstum in den brasilianischen Großstädten hatte auch in Curitiba zur Bildung der landestypischen Elendsviertel (Favelas) geführt. Ein großes Problem der Millionenstadt war bis Mitte der 1970er Jahre der Müll, da die Straßen für die städtische Abfuhr zu eng und unbefahrbar waren. Die Ausbreitung zahlreicher Krankheiten wurde untragbar.

Daraufhin ersann die Stadtverwaltung eine Art "Mutual-Credit-System", in dem Dienstleistungen gegeneinander getauscht werden. Am Rand der Favelas wurde ein Mülltrennungs-System mit riesigen Containern errichtet. Als Belohnung für die Vorsortierung erhielten die Bewohner Busfahrscheine, mit denen die täglichen Fahrten zur Arbeit und zur Schule gesichert waren. Die Kinder erhielten zusätzlich diverse Unterrichtsutensilien. Heute können auch Nahrungsmittel gegen die geleistete Arbeit eingetauscht werden. Mit der Zeit wurden zahlreiche nachhaltige Vorteile sichtbar: Saubere Außenbezirke, Entlastung des Gesundheitswesens, Auslastung des öffentlichen Transportwesens, Senkung der Arbeitslosigkeit, verbesserte Schulbildung, Umweltschutz (durch das Recycling bleiben täglich 1200 Bäume erhalten) und ein lokales Wirtschaftswachstum.

Die ökonomischen Folgen in Zahlen: das Durchschnittseinkommen in Curitiba ist etwa dreimal höher als der brasilianische Durchschnitt, zwischen 1975 und 1995 wuchs das Bruttosozialprodukt pro Kopf um 48% schneller als im ganzen Land. Die Steuerlast ist dabei genauso hoch wie in anderen Städten. Dies führte zu einer Verdoppelung der Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre auf ca. 5 Mio. (Stand 2004). Es gibt daher Überlegungen, das System komplementärer Währungen auf umliegende Regionen auszuweiten, um dort die lokalen Wirtschaftskreisläufe zu stärken und das Städtewachstum zu begrenzen. Dieses Beispiel zeigt, wie durch ein duales Währungssystem ein Dritte-Welt-Land den Lebensstandard der Ersten Welt erreichen kann.

Für seine vorbildliche Umweltpolitik (Mülltrennung, Recycling, hohe Luftqualität...) erhielt Curitiba 1992 von den Vereinten Nationen den Titel "Ökologische Hauptstadt Brasiliens".

Japan

Die anhaltenden wirtschaftlichen Probleme seit 1990 haben in Japan zu einer gesetzlichen Lockerung zum Erproben von Komplementärwährungen geführt. Den größten Anschub dafür gab es 1995 nach dem schweren Erdbeben in Kobe. Die Regierung war mit der Bereitstellung finanzieller Hilfen überfordert. So entstanden zahlreiche lokale Selbsthilfe-Organisationen, die eine landesweite Hilfe ermöglichten. Das traditionelle Ehrgefühl der Japaner sieht vor, fremde außerfamiliäre Hilfe zu belohnen. So entwickelten sich daraus verschiedene "Fureai-Kippu-Systeme", lokale Netzwerke auf gemeinnütziger Basis, in denen geleistete soziale Pflegedienste wahlweise in Yen ausgezahlt oder auf einem Zeitkonto gutgeschrieben werden. Man kann die eigene Zeitgutschrift auch auf hilfebedürftige Familienmitglieder übertragen, wenn man sie selber nicht benötigt.

In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Währungskombinationen in unterschiedlicher Form und für verschiedene Zwecke wie Bildung, Umweltschutz, Nachbarschaftshilfe, Katastrophenschutz, biologischer Lebensmittelanbau und diverse Maßnahmen zur Bewahrung kultureller Werte, wie Theater- und Musikaufführungen. Sie alle bilden ein großes Experimentallabor mittelfristiger Projekte zur Erforschung der geeignetsten Modelle. Im August 2002 verkündete der Wirtschaftsminister Takenaka seine Ansicht, dass der Einsatz von Komplementärwährungen Japan aus der Deflation befreien würde, weil auf diese Weise endlich wieder Geld auf lokaler Ebene bereit stünde.

Der japanische Autor und Wirtschaftsanalytiker Eiichi Morino vergleicht die Komplementarität zwischen dem Yen und den lokalen Zweitwährungen mit dem Yin und Yang-Prinzip:

Deshalb sagen wir, dass eine gut funktionierende Wirtschaft aus Yin-Wirtschaft und Yang-Wirtschaft besteht...Die bestehende Wirtschaft ist jedoch nur als Yang-Wirtschaft konzipiert...In diesem Sinne kann man die Lokalwährung als Yin-Wirtschaft verstehen...Die Yin-Wirtschaft und die Yang-Wirtschaft müssen ineinander greifen, und so wie das Blut im Körper zirkuliert sollte auch das Geld in der Wirtschaft zirkulieren.1

Deutschland

Auch Deutschland verzeichnet seit
2001 einen Zuwachs an regionalen Initiativen zur Etablierung von Komplementärwährungen.

Im Oktober 2001 wurde in Bremen der erste deutsche regional begrenzte Gutscheinring eingeführt. Ebenso wie bei den Folgeprojekten in den Regionen Chiemgau, Bad Aibling, Achberg, Ainring, Pfaffenhofen, Witzenhausen, Gießen, Siegen, Berlin, Dresden, Kamenz, Zwönitz, Hitzacker, Neustadt (Dosse) und Bad Oldesloe geht es um eine gezielte Belebung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Den Gutscheinringen können sich alle Verbraucher und Gewerbetreibende anschließen.

Die Konvertierbarkeit zum Euro und die Verwendung der Umtauschgebühren wird unterschiedlich gehandhabt. In der Region Chiemgau werden zusätzlich soziale Projekte mitfinanziert, wobei die Teilnehmer des Gutscheinrings darüber entscheiden können, welches Projekt sie unterstützen wollen.

Seit September 2003 gibt es das RegioNetzwerk, eine Initiative zur bundesweiten Koordinierung aller lokalen Komplementärwährungen. Ziel ist es, neue Projekte bundesweit anzustossen und alle Einzelprojekte untereinander konvertierbar zu machen. Diskutiert wird dabei über noch offene Rechtsfragen, die Entwicklung geeigneter Software und einer Qualitätssicherung. Gleichgesinnte Initiativen aus Österreich und der Schweiz haben ihr Interesse zur Zusammenarbeit bekundet.

Literatur

Web-Links




     
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