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Bildfunktion



Als Bildfunktion bezeichnet man die kulturelle Funktion von Sehereignissen als Kulturtäger; diese Funktion des Bildes geht über die des Ausdrucks und Produkts künstlerischer Tätigkeit hinaus.

Table of contents
1 Verhältnis Mensch — Außenwelt
2 Bildfunktion und -reflexion
3 Literatur

Verhältnis Mensch — Außenwelt

Sehereignisse können in Anlehnung an Herbert Stachowiak in eine vierpolige Kybiak-Struktur Struktur überführt werden; die Außenweltdeterminanten im System Mensch—Außenwelt sind dann Welt, Selbst, Wissen und Sinne. Diese vier Teilsysteme leiten die Wahrnehmung des Menschen.

Bildfunktion und -reflexion

Aus diesem Außenweltmodell des Menschen lassen sich nun wieder eine Reihe von Bildfunktionen ableiten, denen sich bestimmte Reflexionen zuordnen lassen:

  1. Magieanarchisches Moment
  2. Orientierungnon-autoritäres Moment
  3. Identifikation bzw. Projektiona-soziales Moment
  4. Wissensrepräsentationanschaulich-sinnliches Moment
  5. Sinnlichkeita-logisches Moment

Historisch lassen sich einige Stufen kultureller Funktionserweiterungen des Bildes aufzeigen, so beim Übergang von den Sammler- und Jägerkulturen zu den bäuerlichen und urbanen Hochkulturen sowie beim Herauslösen des Individuums aus dem Kollektiv (16/17. Jh).

Magie und Kult

Der magische und kultische Gehalt von Bildern zeigt sich seit der Frühgeschichte des Menschen in der Körperbemalung, der Tätowierung, der Höhlenmalerei sowie den Grab- und Felsbildern. Diesen bildlichen Darstellungen wurde eine außerrationale Wirkungsfähigkeit zugeschrieben; so sollte in einer Analogiebildung die tätowierte Abbildung eines Bären vor Verletzung durch den Bären schützen.

Die Zuweisung einer magischen Kraft ist nicht auf die Urzeit oder so genannte primitive Stammeskulturen beschränkt, sondern zieht sich durch die gesamte europäische Kunstgeschichte. Beginnend mit dem Urbild und seiner archeipoietischen Herkunft über Reliquien und Ikonen der Ostkirche, die Bilderverehrung, den Bilderstreit und den Bildersturm bis hin zu den Stifterbildern des 15. Jahrhunderts lässt sich der Glaube an die magische Kraft der Bilder nachweisen: "Die Bilder wurden als die realen Träger heiliger Kräfte und wie die Person der Heiligen selber behandelt" (Tümpel und identisch Campenhausen 1957: 141).

Auch heute noch findet sich ein derartiger magischer Bilderglaube: So wird im Zeichen eines neuen Tribalismus die Tätowierung mit ihrer vermeintlich schützenden und stärkenden Wirkung wiederentdeckt oder in "privaten Bilderstürmen" Fotos von einem Menschen zerrissen, von dem man enttäuscht wurde (Schuck-Wersig 1991: 86) sowie in der spiritistischen Fotografie.

Orientierung

Die Orientierungsfunktion des Bildes bezieht sich auf die Objektwelt, d.h. die Soziale Welt. Bilder haben u.a. helfende, unterweisende und erzieherische Funktion für nicht alphabetisierte Bevölkerungsschichten, beispielsweise in Form der Biblia pauperum: "Pictura laicoum literatura" ("Das Bild ist die Schrift des Laien", Papst Gregor der Große, 6. Jh). Ähnliche Orientierungsfunktionen zeigen Totentanz-Abbildungen, das Genrebild sowie das "offizielle" Bild, alles Formen des Bildes, die soziale Spielregeln vermitteln sollen.

Letzteres dient in seiner propagandistischen Funktion ebenfalls der Orientierung und ist keinesfalls auf den religiösen Bereich begrenzt; so fordern in totalitären Systemen Abbildungen der Führerpesönlichkeiten Gehorsam und Unterordnung (beispielsweise Bilder von Adolf Hitler, Josef Stalin, aber auch Kemal Atatürk), eben die Orientierung an der herrschenden Ideologie.

Identifikation und Projektion

Identifikation ist "ein Prozess [...], in dem ein Subjekt sich oder Aspekte seiner selbst in einem anderen Subjekt oder in einem Gegenstand repräsentiert sieht" (Hoffmann 1981: 122). Während die Orientierungs- und die Identifikation des Bildes noch bis ins 16. Jahrhundert aufgrund der damals dominierenden kollektiven Weltbilder eng mit einander verwoben waren, zeigt sich das identifikationsstiftende Potenzial des Bildes ab dem 16 und 17. Jahrhundert.

Diese Funktionserweiterung zeigt sich an der Entstehung der Porträtmalerei, der Entwicklung des Wandbilddrucks, des Selbstporträts, des Miniaturporträts, der Silhouette sowie des Physionotrace (Ende des 18. Jahrhunderts) und nach 1839 in der hohen Akzeptanz und raschen Verbreitung der Fotografie – es gabe ein Bedürfnis "nach Massenproduktion von Porträts" (Freund 1974: 13).

Durch diese Bildfunktion soll ein persönliches oder gruppenspezifisches Bekenntnis dokumentiert (Pieske 1988: 57 ff.), eine Gesinnung gezeigt oder die Ich-Identität ausgeformt werden.

Heute wird die Identifikations- und Projektionsfunktions des Bildes insbesondere in der Werbung angesprochen; sie zeigt sich auch im enormen Anstieg der privaten Bildproduktion in der Amateurfotografie sowie der Verbreitung von Digital- und Handy-Kameras.

Wissensrepräsentation

In der Repräsentationsfunktion dient das Bild der Vermittlung und Weitergabe von Wissen. Dabei lassen sich nach Schuck-Wersig vier Wissensdimensionen unterscheiden:

In der bildfeindlichen Tradition der Neuzeit wurde Wissen überwiegend in Form von Texten vermittelt, Bilder dienten bestenfalls der Illustration (vgl. auch alphabetisches Monopol); Ausnahmen finden sich vor allem bei den Veröffentlichungen der Künstler-Igenieure wie Leonardo da Vinci, Galileo Galilei und Albrecht Dürer (vgl. Technische Intelligenz).

Die bilderfeindliche Praxis änderte sich mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften, als sich das Bild zum integralen Bestandteil insbesondere der naturwissenschaftlichen Arbeit entwickelte. Bereits für Robert Boyle war Wissen wesentlich Sehen (Cahn 1991: 34). Der Paradigmenwechsel zeigt sich auch in der Veröffentlichung aufwändiger Bildbände zur großen französischen Encyclopédie von Diderot und d'Alembert sowie in späteren Großenzyklopädien.

Methodisch-analytisches Wissen wird beispielsweise in Lehrbüchern zur Veranschaulichung durch eigenständige Bilder und Zeichnungen ergänzt.

Instrumentelles Wissen vermittelt praktische Anweisungen zur Bewältigung von Arbeitsvorgängen; hier wird das Bild genutzt in Form von Anleitungen, Konstruktionsplänen, zum Aufzeigen von Handlungsabläufen und Handfertigkeiten sowie zur Darstellung von Geräten und Instrumenten.

Dokumentarisches Wissen dient dem Bedürfnis des Menschen, seine Umwelt und sein Wirken im Bild festzuhalten; Beispiele hierfür sind Stadtansichten, Landschaftsdarstellungen, Architekturzeichnungen, Reiseskizzen und Landkarten sowie Zeichnungen nach mikroskopischen (erstmals Francesco Stelluti und Frederico Stesi, 1625) oder teleskopischen Bildern (erstmals Galileo Galilei in Sidereus nuncius, 1611).

Alltagswissen oder so genanntes sekundäres Wissen dokumentiert den Stand der Forschung sowie der sozialen und kulturellen Entwicklung; es gewinnt vor allem in der Retrospektive an Bedeutung.

Heute ist die Wissensrepräsentationsfunktion des Bildes besonders klar erkennbar in der wissenschaftlichen Fotografie und den medizinischen bildgebenden Verfahren wie Rasterelektronenmikroskopie und Computertomographie.

Sinnlichkeit

Die sinnliche Funktion des Bildes zeigt sich in der direkten Ansprache des Sehsinnes und wird traditionell in der bildenden Kunst sowie der künstlerischen Fotografie und natürlich auch in der Werbung genutzt.

Literatur


In der Mathematik gibt es eine so genannte Bildfunktion (Mathematik); siehe auch Laplace-Transformation, Zeitfunktion und Originalfunktion sowie Elektrotechnik als Anwendung der Zeit- und Bildfunktion.




     
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