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Jeremiade



Der Ausdruck Jeremiade bezeichnet ursprünglich und landläufig das alttestamentliche Buch der Klagelieder. Es wurde dem biblischen Propheten Jeremia zugeschrieben, dessen Prophetie auf taube Ohren stieß und die man schließlich in der Zerstörung Jerusalems erfüllt sah. Jeremia schrieb man bis ins 19. Jahrhundert die Autorschaft dieser Dichtung der Wehklage zu.

In der Literatur bezeichnet der Ausdruck Jeremiade ein den allgemeinen gesellschaftlichen Verfall beklagendes Werk. So beklagte Friedrich Schiller den mangelnden Feinsinn seiner deutschen Zeitgenossen in einem Gedicht mit dem Titel "Jeremiade":

"Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen verschlimmert,
Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!"

Besondere Bedeutung hat der Terminus Jeremiade für die amerikanische Kultur; er ist eng mit dem amerikanischen Exzeptionalismus (Erwähltheitsglauben) verknüpft.

Die Puritaner Neuenglands waren in der Absicht ausgewandert, in Amerika eine "Stadt auf dem Hügel" zu errichten, die vor allem England ein leuchtendes Vorbild sein sollte. Bereits die zweite Puritanergeneration hatte diesen Ehrgeiz jedoch verloren, und Sittenverstöße mehrten sich. In den Predigten der Zeit wurde daher vermehrt Gottes Zorn über die Verfehlungen der Neuengländer angedroht; Missernten und Indianerkriege wurden als Vorboten des bevorstehenden Jüngsten Gerichts gedeutet.

Die Kontinuität dieser Rhetorik lässt sich nach Sacvan Bercovitch bis in die heutige Zeit nachzeichnen. In einer typisch amerikanischen Jeremiade steht demnach das biblische Versprechen einer perfekten Gesellschaft zu den tatsächlichen Verfehlungen der Amerikaner im Widerspruch. Die Jeremiade hat somit die Funktion eines sozialen Korrektivs, indem sie die Erlösung an das rechtschaffene Betragen der Amerikaner knüpft. Dieses Muster findet Bercovitch noch heute in vielen politischen Reden (vor allem konservativer Couleur).

Auch in der amerikanischen Literatur hat der Begriff Verwendung gefunden, da die seit den Puritanern an Amerika geknüpfte Parusieerwartung angesichts der sozialen Realität vielen Schriftstellern zunehmend als Illusion erscheint. Als Jeremiaden wurden daher Werke von Norman Mailer (The Armies of the Night), Thomas Pynchon (The Crying of Lot 49), Nathanael West (The Day of the Locust) sowie Hubert Selby (Last Exit to Brooklyn) gedeutet, aber auch ältere Werke der amerikanischen Literatur wie Herman Melvilles The Confidence Man oder William Faulkners Südstaatenromane.

Literatur

Sacvan Bercovitch, The American Jeremiad, 1978

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