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Verwandtschaftssystem



Durch Verwandtschaftssysteme werden Bluts- und/oder Heiratsbeziehungen zwischen Menschen einer gegebenen Kultur definiert und organisiert. Unter dem Begriff "System" werden sowohl die Verwandtschaftsgruppen, als auch deren Klassifizierung durch die Anthropologie/Ethnologie subsummiert.

Table of contents
1 Bedeutung
2 Klassifikation

Bedeutung

In allen Kulturen hat das Verwandtschaftssystem eine wichtige Funktion in Bezug auf die Sozialisation, die Erbschaftsregelung sowie die Sukzession, d.h. die Übertragung der sozialen Stellung (Status) an die nächste Generation. So wird über die Verwandtschaft die gesellschaftliche Kontinuität gewährleistet.

Daneben ist die Verwandtschaft in den meisten Gesellschaften ein unzerstörbares soziales Netzwerk mit entsprechenden wirtschaftlichen Verpflichtungen der Mitglieder einer Verwandtschaftsgruppe untereinander. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Verwandtschaftsgruppe wirkt sich außerdem oft auf die mögliche Partnerwahl der Individuen aus: siehe Heiratsregel.

In nicht-industriellen Gesellschaften ist die Verwandtschaft die wichtigste gesellschaftliche Organisationsform. In der postindustriellen Gesellschaft hingegen nehmen andere Zugehörigkeitsgruppen (Klasse, etc.) oft eine ebenso wichtige Funktion ein.

Klassifikation

Verwandtschaftssysteme werden in der Anthropologie auf verschiedene Weise beurteilt und eingeteilt:

Verwandtschaftssysteme nach der Terminologie

Je nach Kultur können die verwendeten Begriffe für Verwandte und ihre Beziehungen untereinander sehr spezifisch sein.

Grundsätzliche Unterscheidungen werden nach folgenden Merkmalen gemacht, wobei Gesellschaften alle oder nur einige dieser Merkmale verwenden:

Verwandtschaftssysteme nach Abstammung

Verwandtschaftssysteme nach der Deszendenz sind für viele Gesellschaften die wichtigste soziale Zugehörigkeitsgruppe. Es werden zwei grundlegende Formen unterschieden: Unilineare und Bilineare Abstammungsformen.

Unilineare Abstammungsformen

Bei unilinearen Verwandtsschaftssytemen wird die Zugehörigkeit zu einer Abstammungsgruppe (Lineage, Klan, Sippe) entweder durch die Mutter (weibliche Linie) oder den Vater (männliche Linie) bestimmt.

  1. In patrilinearen Verwandtschaftssystemen wird die Zugehörigkeit des Individuums zu einer Verwandtschaftsgruppe nach der männlichen Linie (Vater, Großvater,... gemeinsamer Ur-Ahn) gerechnet. Kinder gehören in diesem System zur Abstammungslinie des Vaters. Die Kinder des Sohnes ebenfalls, nicht aber die Kinder der Tochter - diese gehören dann zur Abstammungslinie deren Ehemannes. Patrilineare Verwandtschaftssysteme gehen einher mit der sexuellen und ökonomischen Kontrolle des Mannes über seine Ehefrau(en) und - in den meisten Fällen - mit einer patrilokalen Residenzregelung.
  2. In matrilinearen Verwandtschaftssystemen werden Kinder zur Abstammungslinie der Mutter gerechnet. Dazu gehören die Kinder der Tochter, nicht aber die Kinder des Sohnes (diese werden der Verwandtschaftsgruppe ihrer Mutter zugerechnet). In vielen matrilinearen Systemen übernimmt der Mutterbruder die "Vaterrolle" mitsamt den damit einhergehenden Rechten und Verpflichtungen für die Kinder seiner Schwester. In matrilinearen Systemen ist der soziale Zusammenhalt zwischen Verwandten größer als zwischen Ehepartnern.

Bilineare Abstammungsformen

In bilinearen Abstammungsformen wird die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Verwandtschaftsgruppe nach beiden Abstammungslinien gerechnet. Hier wird unterschieden zwischen ambilinearen und kognatischen Abstammungsformen:

  1. Ambilineare Verwandtschaftssysteme sind nicht wirklich bilinear. Je nach sozialem Kontext wird das Kind der Linie des Vaters oder der Linie der Mutter zugerechnet. Zum Beispiel wird in großen Teilen des europäischen Judentums die Zugehörigkeit zu diesem über die Mutterlinie vermittelt, die Zugehörigkeit zur Einzelfamilie aber über die Vaterlinie.
  2. Kognatische Verwandtschaftssysteme hingegen rechnen die Kinder gleichzeitig zur Abstammungslinie der Mutter und des Vaters. Bilineare, kognatische Verwandtschaftssysteme tauchen in Kulturen auf, deren sozialer Zusammenhalt nicht primär auf ein Verwandtschaftsnetz oder permanente Verwandtschaftsgruppen basiert. So beispielsweise in den postindustriellen Gesellschaften, in denen die kindzentrierte Nuklearfamilie die kleinste soziale Einheit darstellt.

siehe auch: Verwandtschaftsbeziehungen (Übersicht)



     
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