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Vertreibung



Vertreibung bezeichnet das gewaltsame Aussiedeln von Bevölkerungsgruppen aus von ihnen besiedelten Gebieten durch machtpolitische und/oder kriegerische Maßnahmen.

Auch die Völkerwanderungsbewegungen zu Beginn der christlichen Zeitrechnung waren neben möglichen klimatischen Veränderungen in den früheren Siedlungsgebieten auch durch den Druck der einen Menschengruppe (Stamm, Population) auf die benachbarte Population verursacht und können im Sinne des Wortes als Vertreibung angesehen werden.

Die Vertreibung unterscheidet sich von der Flucht dadurch, daß sie von einer fremden Gruppe gegen eine seßhafte Gruppe zwangsweise durchgeführt wird, wohingegen eine Flucht aus Furcht vor Repressionen, Krieg oder Naturkatastrophen von der seßhaften Gruppe selbst angetreten wird.

Table of contents
1 Vertreibungen im 20. Jahrhundert
2 Die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg
3 weitere Artikel
4 Weblinks

Vertreibungen im 20. Jahrhundert

Zu den bekanntesten Vertreibungskomplexen des 20. Jahrhunderts zählen:

Die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Im europäischen und vor allem deutschen Kontext wird unter dem Stichwort "Vertreibung" vor allem die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa nach dem
Zweiten Weltkrieg verstanden. Der gesamte Komplex wird häufig ausschließlich im Zusammenhang der Diktaturen von Hitler und Stalin gesehen werden, gehört aber zur Nachgeschichte des Ersten Weltkrieges und der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips in den Pariser Vorortverträgen (Versailler Vertrag): Bereits ab Sommer 1941 forderten die polnische und tschechische Exilregierung in London Grenzkorrekturen nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Dies bedeutete ausdrücklich eine Entfernung der deutschen bzw. deutschsprachigen Bevölkerung aus diesen Gebieten wie auch aus dem restlichen Staatsgebiet. Die Motive für diese Forderung waren vielfältig: Zum einen sollten die geforderten Gebiete eine gewisse Enschädigung für die Verluste an Gütern und Menschen während der Besatzungszeit bieten. Zum anderen zielte insbesondere die polnische Exilregierung auf eine Verkürzung ihrer Westgrenze, um sie - im Falle einer neuerlichen Angriffs - leichter gegen Deutschland verteidigen zu können. Die Entfernung der Deutschen wurde einerseits mit ihrem Verhalten während der Besatzung begründet, andererseits mit der mit dem Prinzip des ethnisch einheitlichen Nationalstaates. Hinzu kam, insbesondere in Polen, das Ziel einer sozioökonomischen Bereinigung und Sanierung der Wirtschaftsstruktur. Weite Gebiete Ostmitteleuropas galten spätestens seit den dreißiger Jahren als "überbevölkert". Die Aussiedlung der Deutschen und (im Falle Polens) die Gebietserweiterung im Westen und Norden sollte vor allem dazu dienen, "überschüssige" Menschen neu ansiedeln zu können.

Bereits auf der Konferenz von Yalta setzte Stalin die Abtrennung der bereits 1939 bis 1941 sowjetisch besetzten polnischen Ostgebiete an die UdSSR durch, was zu der fälschlichen Annahme geführt hat, die Annexion der ehemaligen preußischen Ostprovinzen durch Polen sei ein Ausgleich für den Verlust im Osten gewesen. Tatsächlich aber unterschieden sich die Gebietsforderungen der Exilregierung vom Programm der polnischen Kommunisten nur unwesentlich. Im Potsdamer Abkommen 1945 wurden die neuen Staatsgrenzen in Europa von den Aliierten vorläufig festgeschrieben, wobei die den bürgerlich-antikommunistischen Exilregierungen gegebene Zusage zur Aussiedlung der Deutschen nun, angesichts des wachsenden Einflusses der Kommunisten in Polen und der Tschechoslowakei, nicht mehr zu gelten schien. Der Text des Potsdamer Abkommens enthält daher nur wenige klare Formulierungen: Er bot der polnischen und tschechoslowakischen Regierung und ihrem Verbündeten Stalin die Möglichkeit, die bereits angelaufenen Zwangsaussiedlungen als vereinbart zu betrachten, und den Westalliierten die im Frühjahr 1946 auch genutzte Chance, sich auf die Behauptung zurückzuziehen, so sei es nicht gemeint gewesen. Die Umsiedlungen sollten in einer 'humanen'" Art geschehen; tatsächlich führte die internationale Kontrolle dazu, dass die Zwangsaussiedlung in wesentlich geordneterer Form vor sich ging als in den Wochen und Monaten vor der Konferenz.

Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um:

Es gab ungefähr 15 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene. Ihre Aufnahme verlangte von Bundesrepublik und der DDR (sowohl im Westen als auch im Osten) in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren eine große Integrationsleistung. Durch die Bevölkerungsverschiebungen im großen Maßstab verdoppelten einige Länder, zum Beispiel Mecklenburg ihre Einwohnerzahl, vormals konfessionell homogene Regionen mit starken eigenen Traditionen, zum Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide, besaßen nun große Bevölkerungsgruppen mit einem anderen Lebensstil und konfessioneller Prägung. Zum Teil kam es zu ganzen Stadt- und Ortsneugründungen wie Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried oder Kaufbeuren-Neugablonz.

In den von Deutschen verlassenen Gebieten Polens wurden unter anderem ebenfalls umgesiedelte Polen aus dem ehemaligen Ostpolen (der Region Wilna, der westlichen Hälfte des heutigen Weißrussland, Wolhynien und Galizien) angesiedelt. Hinzu kamen unzählige polnische Zwangsarbeiter, die nun mit der Westverschiebung ihres Heimatlandes heimatlos geworden waren und nun in für sie fremden Regionen sesshaft werden mussten. Die von den Polen im Osten verlassenen Gebiete waren vor dem Krieg dicht besiedelt und wurden von einem Völkergemisch bewohnt. Heute wohnen in diesen nun dünn besiedelten Gebieten nach dem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der Polen, die dort meistens die Oberschicht stellten, fast nur noch Weißrussen, Litauer, Ukrainer und Russen.

Im an die Sowjetunion gefallenen Kaliningrader Oblast (bis 1945 Königsberg) wurden ebenfalls umgesiedelte Russen, Weißrussen und Ukrainer angesiedelt. Vielfach strandeten auch ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter auf dem Weg aus Deutschland nach Russland im ehemaligen Nordostpreußen, da sie unter Umständen zu Hause ein Prozess wegen Landesverrats erwartete.

Im Sudetenland wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren, Slowaken und Sinti und Roma angesiedelt. Hinzu kamen viele als "Repatrianten" bezeichnete Tschechen, die aus Familien stammten, die früher mal nach Frankreich, Polen oder die USA ausgewandert waren.

Die Motive für die Vertreibungen

Hinter den Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten standen mindestens zwei Hauptursachen:

1. Die nationalsozialistische Expansions- und Ausrottungspolitik während des Zweiten Weltkriegs hat die bereits belasteten, aber immer noch tragfähigen Beziehungen zwischen Deutschen und anderen Volksgruppen in Mittel- und Osteuropa, von Grund auf zerstört. Die als "Untermenschen" angesehenen und behandelten Völker wurden durch diese Politik in eine Position getrieben, in der nur noch der bewaffnete, aber vom damaligen Kriegsrecht nicht gedeckte Partisanenkampf gegen die deutschen Aggressoren als Mittel der Selbstverteidigung blieb. Mit der sich abzeichnenden militärischen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands bekamen die mit Ausrottung bedrohten Völker die Gelegenheit, sich für die ihnen zugefügten Verbrechen zu rächen. Der Besitz der Vertriebenen wurde dabei enteignet, konfisziert oder geplündert, so dass auch diese ökonomische Seite der Vertreibung, der Raubzug und die Bereicherungsabsicht, zu den eigentlichen Vertreibungsmotiven gezählt werden muss.

2. Für einige der ost- und mitteleuropäischen (kommunistischen) Regierungen waren die Vertreibungen der Deutschen eine Gelegenheit, ihre Macht zu festigen (insbesondere in der späteren CSSR). Es sollte aber auch der Kriegsvermeidung dienen. Mit der Vertreibung der Deutschen schufen einige der kommunistischen Nachkriegsregierungen außerdem national homogene Staatswesen und wollten sich so vieler Konflikte der Vorkriegszeit, die auf dem multinationalen Charakter dieser Staaten als Vielvölkerstaaten beruhten, entledigen.

3. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die jeweiligen Bevölkerungsteile in diesen Staaten häufig zur Destabilisierung des jeweils anderen Gebits instrumentalisiert und ließen sich instrumentalisieren (wie etwa die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins). In der Logik der Zeit wollte man künftige solche Gefährdungen ausschliessen.

Insgesamt rechnet man, dass im 20. Jahrhundert weltweit ungefähr 50 Millionen Menschen vertrieben worden sind, manche sogar mehrmals innerhalb nur einer Generation.

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