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Sodomiterverfolgung



  

Unter Sodomiterverfolgung versteht man die Verfolgung von Männern, denen man im christlichen Mittelalter und der frühen Neuzeit vorwarf, das "sodomitische Laster" [vitium sodomiticum] praktiziert zu haben.

Table of contents
1 Begriff
2 Theologischer Diskurs
3 Verfolgungspraxis
4 Literatur
5 Weblinks

Begriff

Unter Sodomie verstand man eine Reihe verschiedener "widernatürlicher" Praktiken, hauptsächlich jedoch den Analverkehr. Das sodomitische Laster hieß auch die "stumme Sünde", die "Sünde ohne Namen" oder "jene schreckliche Sünde, die unter Christen nicht genannt werden darf". Am häufigsten gebraucht wurde die Wendung "Laster wider die Natur" [vitium contra naturam].

Da der Begriff der Homosexualität erst im 19. Jahrhundert aufkam, ist es irreführend, die Sodomiterverfolgung als Homosexuellen- oder gar als Schwulenverfolgung zu bezeichnen. Gleichwohl verstand man unter "Sodomit" vorwiegend einen Mann, der mit einem anderen Mann den Analverkehr praktizierte.

Das Mittelalter kann jedoch im Hinblick auf den heutigen Begriff der Homosexualität nicht nur als eine Repressionsgeschichte geschildert werden. Denn gleichzeitig galt die Liebe zwischen Männern als nichts Außergewöhnliches und wurde nur selten mit dem Begriff der Sodomie in Verbindung gebracht. Gleichgeschlechtliche Freundespaare wurden von der Kirche teilweise auch als Wahlbrüder gesegnet und miteinander bestattet.

Etymologisch leitete sich das Wort Sodomie von der biblischen Stadt Sodom ab, deren Bewohner der Sünde anheim gefallen seien und daher von Gott unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben wurden (1. Buch Mose, Kapitel 18 und 19). Die Assoziation dieser Sünde mit der Unzucht zwischen Männern entspricht allerdings nicht der Art, wie diese Geschichte in der Bibel selbst verstanden wurde. Dort wird sie überwiegend mit der Verletzung der Gastfreundschaft in Verbindung gebracht (vgl. Buch der Weisheit, Kapitel 19, Vers 15), aber kein einziges Mal mit dem mosaischen Verbot des mannmännlichen Analverkehrs.

Theologischer Diskurs

Die Kirchenväter

Noch im Evangelium nach Matthäus und Lukas wird das Vergehen der Sodomiter mit der Verletzung der Gastfreundschaft assoziiert (Matthäus 10,14 f.; Lukas 17,29). Die Apostel der Kirche hatten jedoch das "Trachten nach dem Fleisch" als die Quelle der Sünde identifiziert (vgl. Römer 7-8). Daher lag es für sie auch nahe, die Geschichte von der angedrohten Vergewaltigung der drei unter dem schützenden Dach Lots beherbergten Engel nicht als ein Gleichnis über den Fremdenhass zu deuten, wie es das Buch der Weisheit (19,15) getan hatte, sondern darin eine Anklage zu lesen gerichtet gegen diejenigen, "die sich von der schmutzigen Begierde ihres Körpers beherrschen lassen" (2 Petrus 2,10). Allerdings war ihnen dabei noch nicht ins Auge gefallen, dass die Geschichte zwischen Personen des gleichen Geschlechts handelte und damit auch als vernichtendes Urteil über die stupra in masculos, also die Hurereien mit Männern, interpretiert werden konnte. Und so beschränkte Judas, der Bruder des Jakobus, in einem Brief an die damalige christliche Gemeinde seinen Vorwurf gegen die Sodomiter darauf, dass sie Unzucht trieben und dem "fremden Fleisch" der Engel nachstellten (Judas 7).

Auch die späteren patristischen Kommentatoren versäumten es zunächst, in der Interpretation der Sodom-Geschichte zwischen der Sünde der Wollust im Allgemeinen und der "widernatürlichen Unzucht" im Besonderen zu unterscheiden. Ja selbst die älteren, nicht sexuell gefärbten Interpretationen der Geschichte hielten sich noch über Jahrhunderte. So erklärte Hieronymus im Einklang mit Jesaja (3,9), Prinzen gälten dann als Sodomiten, wenn sie in einem anderen Land mit ihren Sünden prahlten. Ambrosius wiederum hebt an der Drohung der Sodomiter, die drei Engel zu vergewaltigen, die Verletzung des Gastrechts hervor, führt aber gleichzeitig an anderer Stelle als Gründe für die Vernichtung der Stadt die Boshaftigkeit, Sündenverfallenheit und besonders die Wollust ihrer Einwohner an. Für Gregorius hingegen ist es bereits eindeutig, dass Sodom seiner "ungesetzlichen Begierden" wegen bestraft wurde. "Vom brennenden Sodom zu fliehen heißt, die unerlaubten Feuer des Fleisches zurückzuweisen." Unter den vier großen Kirchenlehrern ist es jedoch einzig Augustinus, der explizit darauf verweist, dass Sodom zerstört wurde, weil dort die Unzucht mit Männern aus Gewohnheit blühte.

Scholastische Definitionen

Als Hauptwort taucht die Sodomie erstmals Mitte des 11. Jahrhunderts in einer kirchlichen Streitschrift auf, wo sie ihre Neukreation einer grammatischen Analogie verdankt: In seinem Liber Gommorrhianus ruft der Benediktinermönch Petrus Damianus Papst Leo IX. dazu auf, das sodomitische Laster aus der Kirche zu tilgen, indem diejenigen, die sich dessen schuldig gemacht haben, ihrer geistlichen Würde enthoben werden. In diesem Kontext prägt er das Substantiv sodomia mit Hilfe einer polemischen Parallelisierung: "Wenn Blasphemie die schlimmste Sünde ist, weiß ich nicht, auf welche Weise Sodomie besser wäre."

Damian legt dem Begriff dabei eine uns heute befremdend erscheinende Gruppierung gänzlich verschiedener sexeller Handlungen zugrunde. Ihre Gemeinsamkeit bestand lediglich darin, dass sie nichts zur Fortpflanzung beitrugen, dem für das traditionelle Christentum einzig legitimen Zweck und Grund menschlicher Sexualität. Vier Arten (Spezies) konstituieren für Damian daher in aufsteigender Reihenfolge die sodomitische Sünde: die Selbstbefleckung (Masturbation), das wechselseitige Umgreifen und Reiben der männlichen Genitalien, die Ejakulation zwischen den Schenkeln und der Verkehr von hinten.

Einer anderen Logik der Unterteilung folgte Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Ihm zufolge ist die "Sünde wider die Natur" eine von sechs Arten der Wollust mit vier Unterarten, nämlich der Masturbation, dem Verkehr mit einem "Wesen einer anderen Art", dem Verkehr mit einer Person, die nicht das geforderte Geschlecht besitzt, und dem unnatürlichen Vollzug des Beischlafs, etwa durch die Benutzung ungehöriger Instrumente oder auf andere "monströse und bestialische Weisen". Am schwersten wiegt dabei die Unzucht mit einem Tier, am geringsten die "Unreinheit", die einer mit sich allein begeht.

Verfolgungspraxis

Spätantike

Mitte des 6. Jahrhunderts verhängte der byzantinische Kaiser Justinian in seinen Gesetzesnovellen ein Totalverbot der "widernatürlichen Unzucht", verwies dabei erstmalig auf den biblische Mythos von Sodom und Gomorrha und warnte vor "Erdbeben, Hungersnot und Pest" als Folgen solchen Treibens. In einem anonym erschienenen Pamphlet gegen das Kaiserehepaar, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, beleuchtete der zeitgenössische Historiker Prokopios von Caesarea den politischen Hintergrund dieses Gesetzes. Dabei legt er nahe, dass Justinian sowie seine Gemahlin und Mitregentin Theodora das Gesetz vor allem als Mittel gebrauchten, persönliche Feinde unter einem billigen Vorwand aus dem Weg zu schaffen und gezielt Personen auszuplündern, die große Reichtümer besaßen. Die Bestrafung habe dabei jeder Rechtsform entbehrt, "denn die Ahndung geschah ohne Kläger, und das Zeugnis eines einzigen Mannes oder Kindes [...] erschien als vollgültiger Beweis". Anhand zweier Fälle schildert Prokop schließlich auch den populären Widerstand, den die Verfolgung einzelner Personen wegen Päderastie oder angeblicher Beischlafbeziehungen mit Männern [gamoi andron] im "gesamten Volk" hervorrief.

Jedoch gibt es nicht die geringsten Hinweise, dass die Kirche Justinians Gesetz jemals unterstützt oder auch nur öffentlich befürwortet hätte. Vielmehr wurde sie sehr bald schon selbst zum Opfer des blutigen Treibens, zu dem sich das Kaiserehepaar mithilfe der beiden Novellen ermächtigt hatte. So sind die einzigen von Justinian bestraften "Delinquenten", deren voller Name uns bis heute überliefert ist, beides prominente Bischöfe der damaligen Zeit: der eine, Isaiah von Rhodos, wegen angeblicher Unzucht mit Männern gefoltert und exiliert, der andere, Alexander von Diospolis in Thrakien, gemäß den Bestimmungen des Gesetzes kastriert und öffentlich durch die Straßen geführt.

Mittelalter und frühe Neuzeit

Bis zum 13. Jahrhundert war Sodomie in den meisten Ländern Europas nicht strafbar, sondern lediglich eine von vielen Sünden in den kirchlichen Bußbüchern. Das änderte sich jedoch im Rahmen der Kreuzzugspropaganda gegen den Islam, die den Begriff der Sodomie politisierte. Mohammed, der "Feind der Natur", habe die Sünde der Sodomiter unter seinen Leuten popularisiert, hieß es in den zeitgenössischen Pamphleten. Die Sarazenen würden Bischöfe vergewaltigen und christliche Knaben für ihre fleischlichen Begierden missbrauchen. Nur wenig später gehörte die Sodomie auch zu den Standardvorwürfen gegen die Häretiker, so dass ketzern im Mittelhochdeutschen zum Synonym für "sodomitisch verkehren" wurde. (Gleiches geschah in Frankreich mit bougrerie und in England mit buggery, die sich beide vom Namen der Bogomilensekte ableiten.)

Im Rahmen dieser Hetze wandelte sich zwischen 1250 und 1300 die Sodomie von einer zwar sündigen, aber meist völlig legalen Praxis zu einer Handlung, die fast überall in Europa mit der Todesstrafe belegt wurde. Sie war jedoch weiterhin vor allem ein Mittel der Denunziation und der politischen Intrige, wie im Fall der Ermordung von König Eduard II oder der Zerschlagung des Templerordens. Darüber hinaus wurde sie in der Regel nur geahndet, wenn eine Handlung den sozialen Frieden empfindlich gestört hatte, z.B. bei einer Vergewaltigung oder der Sodomitisierung von Kindern. Die Gerichte beschäftigten sich in der Realität viel öfter mit Fällen von außerehelichem Geschlechtsverkehr zwischen einem Mann und einer Frau als mit gleichgeschlechtlichen Handlungen unter Männern, bargen letztere doch wenigstens nicht die Gefahr des illegitimen Nachwuchses.

Es gab jedoch zeitlich und regional begrenzte Ausnahmen von dieser Regel. Ein Beispiel hierfür ist die Stadt Florenz. Nachdem wiederholte Pestepidemien die Einwohnerzahl von etwa 120.000 auf ca. 40.000 dezimiert hatten, wurde dort im Jahr 1432 die "Behörde der Nacht" geschaffen. Sie widmete sich ausschließlich der Bekämpfung der Sodomie. Über die Gründe für ihre Einführung kann man nur spekulieren, aber es liegt nahe, dass sie Teil einer Politik war, die sexuellen Freiheiten junger Männer zu beschneiden, um sie dadurch in die Ehe zu drängen. Sie ahndete den Analverkehr zwar meist nur noch mit Geldstrafen. Aber gerade dadurch gelang es ihr, ein funktionsfähiges System der totalen Überwachung aufzubauen, das mit Verhören, der Belohnung von Denunzianten, einem Netz von Spionen und Informanten und einer Kronzeugenregelung arbeitete. Bis zu seinem 30. Lebensjahr lenkte so jeder zweite männliche Florentiner wenigstens einmal den Verdacht der Behörde auf sich. Gleichzeitig offenbarte diese Verfolgung den extrem hohen Verbreitungsgrad sexueller Beziehungen unter Männern und ihre relative Offenheit. "Sodomie" fand in Florenz nicht etwa versteckt im Rahmen einer Subkultur statt, sondern war Teil alltäglicher Sozialbeziehungen. Erst nach 70 Jahren wurde die Behörde der Nacht wieder aufgelöst. Florenz kehrte allmählich, nachdem der Versuch gescheitert war, das "Laster wider die Natur" auf diese Weise einzudämmen, zur auch anderswo üblichen Praxis der Verfolgung zurück: prinzipielle Androhung der Todesstrafe bei weitgehender Duldung einfacher Akte der "Sodomie".

Literatur

Siehe auch: Zoophilie - Analverkehr - Homosexualität - Sodom und Gomorrha - - Paragraph 175 - Homosexualität und Religion - Homosexualität im Neuen Testament

Weblinks

   



     
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