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Relativismus



Unter dem Begriff Relativismus werden v.a. in der Philosophie Positionen zusammengefasst, die implizit oder explizit von der Annahme ausgehen oder auf die Behauptung hinauslaufen, dass es keine absolute oder universelle Geltung gibt.

Table of contents
1 Einteilung
2 Geschichte
3 Diskussion
4 Literatur
5 Weblinks

Einteilung

Relativistischen Theorien zufolge ist die Geltung von Aussagen prinzipiell abhängig von Voraussetzungen, die ihrerseits keine allgemeine Geltung beanspruchen können. Daher lassen sich relativistische Positionen danach einteilen, welche Klasse von Geltungsansprüchen als relativ angesehen wird und welche Art von Voraussetzungen in Anschlag gebracht wird. Entsprechend der dabei möglichen Kombinationen ergibt sich eine Vielzahl verschiedener Spielarten relativistischen Denkens:

Der Bedeutungsrelativismus (linguistischer Relativismus) nimmt an, dass sprachliche Ausdrücke nur im Zusammenhang der Sprache verständlich sind, in der sie formuliert werden, wobei zumeist von der prinzipiellen oder partiellen Unübersetzbarkeit verschiedener Sprachen bzw. Sprachfamilien ineinander ausgegangen wird. Der Wahrheitsrelativismus (epistemischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass die Wahrheit von Überzeugungen z.B. von den ihnen zu Grunde liegenden Weltanschauungen oder wissenschaftlichen Paradigmen abhängt, die ihrerseits als inkommensurabel betrachtet werden. Der Wertrelativismus (ethischer Relativismus) schließlich ist der Auffassung, dass normative Maßstäbe menschlichen Handelns sich nicht universell rechtfertigen lassen, sondern nur innerhalb einer bestimmten Kultur (Kulturrelativismus) bzw. einer bestimmten historischen Epoche (historischer Relativismus) faktisch gültig sind.

Geschichte

Die zunehmende Bekanntschaft mit fremden Völkern und die damit einhergehende Einsicht in die Pluralität religiöser Vorstellungen, Weltbilder und lokaler Sitten und Gebräuche führte bereits in der antiken Sophistik zur Entwicklung relativistischer Auffassungen. So ist etwa der "Homo-Mensura-Satz" des Protagoras als Ausdruck eines extremen epistemischen Relativismus gedeutet worden: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden für ihr Sein und der Nicht-Seienden für ihr Nicht-Sein". Mit der begrifflichen Unterscheidung von Natur ("physis") und menschlicher Satzung ("nomos") wurde zudem die Grundlage für einen ethischen Relativismus geschaffen, dem zufolge moralische Normen und Gesetze nicht auf der Natur, sondern auf menschlicher Übereinkunft beruhen und somit kontingent, d.h. sowohl kulurrelativ als auch historisch veränderlich sind.

In der Neuzeit erfuhr der Relativismus insbesondere seit dem 18. Jahrhundert einen neuen Aufschwung. Beeindruckt von der Entdeckung und Erkundung neuer Kontinente und der wachsenden Anzahl von Reiseberichten aus fernen Ländern entwickelten Gelehrte wie z.B. Herder, Humboldt oder Hamann in kritischer Distanz zum universalistischen Vernunftbegriff der Aufklärung Ansätze zu Sprach-, Kultur- und Rationalitätstheorien mit relativistischen Implikationen. Der Siegeszug der neuzeitlichen Wissenschaften schuf die weltanschaulichen Voraussetzungen für das Aufkommen einer Vielzahl relativistischer Theorien im Verlauf des 19. Jahrhunderts. So ging etwa der geschichtswissenschaftliche Historismus von der historischen Bedingtheit aller menschlichen Lebensäußerungen aus, während Biologismus und Psychologismus die relativistische Ansicht nahelegten, dass menschliches Denken und Verhalten nurmehr als Ausdruck der biologischen bzw. psychischen Konstitution des Menschen zu verstehen sind.

Im 20. Jahrhundert wurden explizit relativistische Positionen insbesondere von Evans-Pritchard u.a. in der Ethnologie, von Benjamin Lee Whorf u.a. in der Linguistik (Sapir-Whorf-Hypothese) und von Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend in der postempiristischen Wissenschaftstheorie entwickelt. Im Kontext der zeitgenössischen Philosophie weisen v.a. der Konstruktivismus, der Poststrukturalismus und der Pragmatismus vielfach relativistische Tendenzen auf.

Diskussion

Der Standardeinwand gegen den epistemischen Relativismus besteht in dem Nachweis seiner selbstreferentiellen Inkonsistenz: Wenn alle Behauptungen nur relativ gültig sind, betrifft dies auch die relativistische Behauptung selbst, die somit nicht als gültiger als ihre Negation angesehen werden kann. Geht man davon aus, dass bereits der Akt des Behauptens selbst notwendig einen Anspruch auf universelle Geltung einschließt, begeht der Relativist zudem einen performativen Selbstwiderspruch (Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas): Der propositionale Gehalt seiner Behauptung steht im Widerspruch zu dem Sprechakt, den er vollzieht.

Der linguistische Relativismus wird u.a. dafür kritisiert, dass er, um seine These zu belegen, auf Beispiele aus der betreffenden Sprache bzw. auf ausführliche Sprachvergleiche zurückgreifen muss, was ihm unter seinen eigenen Voraussetzungen überhaupt nicht möglich wäre. Vor diesem Hintergrund wird u.a. von Donald Davidson argumentiert, dass der Begriff der Sprache selbst bereits Übersetzbarkeit impliziert, da es andernfalls keine Möglichkeit gebe, etwas überhaupt als Sprache zu identifizieren.

Der ethische Relativismus wird vielfach als moralisch verwerflich oder gar politisch gefährlich angesehen, da er z.B. die universelle Geltung der Menschenrechte zu leugnen und die moralische Verurteilung inhumaner kultureller Praktiken (wie z.B. der Beschneidung von Mädchen und Frauen) unmöglich zu machen scheint. Der ethische Relativismus stellt jedoch nicht notwendig selbst eine ethische Position dar, sondern lässt sich oftmals als theoretische Position auf einer metaethischen Ebene verstehen.

Literatur

Weblinks

Siehe auch: Portal Philosophie, Realismus, Induktivismus, Falsifikationismus, Konstruktivismus (Philosophie)




     
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