WEB LEXIKON: Ein Blick zurück
Hauptseite | Aktueller Wikipedia-Artikel

Prototypensemantik



Table of contents
1 Prototypensemantik
2 Zusammenfassung
3 Bibliographie

Prototypensemantik

Prototypensemantik als kognitive Wissenschaft

Die Prototypensemantik spielt nicht nur im Bereich der lexikalischen Semantik eine wichtige Rolle. Sie war auch der „Ursprung des kognitiven Paradigmenwechsels in der Linguistik“ (Blank, 2001: 44). Es wurde durch sie klar, welche Rolle die menschliche Kognition bei der Sprachproduktion einnimmt. „Die Sprechfähigkeit des Menschen ist ein spezifischer Teil der Kognition: Sie ist eine humanspezifische mentale Fähigkeit, die konstitutiv für viele unserer allgemeinen kognitiven Fähigkeiten ist. In diesem Sinne ist Kognition der allgemeinere Begriff und inkludiert Sprache (Schwarz, 1992: 36). Ein wesentliches Gebiet der Prototypensemantik ist die Erforschung von Kategorisierungsprozessen, also der mentalen Verarbeitung von Information. Ziel dieser Arbeit ist es, die Grundzüge sowohl der Standardversion als auch der erweiterten Version der Prototypensemantik möglichst anschaulich und klar darzustellen. Dabei soll allerdings auch nicht auf die Kritik, die immer wieder an ihr geübt wurde, verzichtet werden. So soll nun im Rahmen dieser Arbeit ein keineswegs allumfassender, aber trotzdem die wichtigsten Gesichtspunkte abdeckender Überblick zu diesem Forschungsgebiet gegeben werden, wobei die Hauptgewichtung natürlich auf der Standardversion der Prototypensemantik liegen wird.

Die Anfänge: Basic Color Terms (Grundfarbenbezeichnungen)

Rückblickend stellt sich natürlich die Frage, was der Grund für die spezielle Untersuchung von Farbbezeichnungen war. Bei der Untersuchung verschiedener Sprachen stellten Linguisten fest, dass sich die Anzahl der Bezeichnungen für Farben innerhalb des für Menschen wahrnehmbaren Spektrums teilweise sehr deutlich unterschied. „Das Italienische kennt z.B. zwei verschiedene Blau (azzuro, blu), das Französische zwei Arten von Braun (marron, brun). Das in Wales gesprochene Kymrische hat zwar ein Wort für ’braun’, unterscheidet aber nicht zwischen ’blau’ und ’grün’“ (Blank, 2001: 46). Daraus ließ sich nun der folgende Schluss ziehen: Diese Beobachtung kann aus strukturalistischer Sicht als ein Beweis dafür gedeutet werden, dass diese Bezeichnungen im Saussureschen Sinne arbiträr sind. Taylor (vgl. Taylor, 1995: 7) führt darüber hinaus aus, dass besagte Farbbezeichnungen innerhalb eines Systems – wenn auch unterschiedlich oft gebraucht – gleichwertig sind, ein Sprecher einer beliebigen Sprache z.B. durchaus mehrere Rot-Töne wahrnimmt, aber nicht den einen „röter“ als den anderen empfindet. Dieser Deutung stellten B. Berlin und P. Kay ihre Untersuchungen entgegen:

Der eben erwähnte Begriff basic color terms, worauf sich die Forschungsarbeit von Berlin und Kay beschränkt hatte, spielt auch in den Bereich der sog. basic level terms (Grundbezeichnungen) hinein, auf die ich später noch eingehen werde. Ihre Ergebnisse könnte man wie folgt zusammenfassen (vgl. Blank, 2001: 45):
  1. Es gibt zentrale und randständige Vertreter einer Farbe.
  2. Da Sprecher fast aller Sprachen dieselben Farbtöne als zentrale erkennen, auch wenn die Grenzen der sprachlichen Zuordnung anders gesteckt sind, sind diese zentralen Vertreter als universell zu betrachten.
  3. Basic color terms sind weder Hyponyme eines Farbwortes (wie z.B. türkis), noch morphologisch kompliziert (z.B. hellgrün), noch fachsprachlich (z.B. cyan) oder beschränkt auf bestimmte Kollokationen (z. B. blond, das nur in Verbindung mit Haaren oder Bier stehen kann).
  4. Diese Grundfarbwörter weisen untereinander eine Hierarchie auf. So unterscheiden Sprachen mit nur zwei Grundfarbwörtern zwischen schwarz und weiß (bzw. hell und dunkel). Bei Sprachen mit drei Farben tritt stets rot als nächste hinzu, danach kommen gelb oder grün, etc.

Diese Beobachtungen wurden zwar von Strukturalisten in den frühen 70er Jahren angegriffen, Eleanor Rosch schaffte es aber, die Untersuchungen von Berlin und Kay zu bestätigen und gleichzeitig zu erweitern. Dabei führte sie verschiedene Experimente mit einer Gruppe englischsprachiger Menschen und einer Gruppe der Dani durch, einem Volk in Papua-Neuguinea, deren Sprache nur zwei Farbbezeichnungen kennt, „nämlich mola ’weiß u. alle warmen Farben (rot, orange, gelb, rosa, lila)’ und mili ’schwarz u. alle kalten Farben (blau,grün)’.“ (Blank, 2001: 46) Dabei wurde vor allem getestet, in welchem Maße typische Vertreter einer Farbe, sog. focal colors von den verschiedenen Gruppen übereinstimmend als solche kategorisiert wurden. Es stellte sich heraus, dass die Kongruenz der beiden Gruppen, obwohl ihre Sprachen kaum unterschiedlicher sein könnten, erstaunlich hoch war. Ferner wurden die für die Dani nicht genauer kategorisierten Farben mit „neuen“ Namen belegt, die von ihnen gelernt werden sollten. Das Resultat ergab, dass zentrale Vertreter einer Farbe schneller gelernt wurden als randständige. (vgl. Taylor, 1995: 11f) Somit war bewiesen, dass „colour terminology turns out to be much less arbitrary than the structuralists maintain. Colour […] is instead ’a prime example of the influence of underlying perceptual-cognitive […] categories.’ (Heider 1971: 447)” (Taylor, 1995: 15)

Prototypensemantik

Die Standardversion

Der folgende Abschnitt befasst sich mit der sog. „Standardversion“ der Prototypensemantik. Im Rahmen dieser Arbeit kann an dieser Stelle jedoch nur auf die grundlegenden Ergebnisse und Probleme der Forschung, wie Prototypikalität, Familienähnlichkeit, Prägnanz, cue validity (Zuordnungsgültigkeit, Prototypikalitätsgrad), Hecken und basic level terms eingegangen werden.

Prototypikalität

Exemplarisch für den Nachweis eines Prototyps unter verschiedenen Vertretern einer Kategorie war Labov’s mittlerweile berühmtes Tassen-Experiment (vgl. Taylor, 1995: 40). Dabei legte er seinen Probanden verschiedene Zeichnungen von Gefäßen vor und bat sie darum, diese zu benennen. Es stellte sich heraus, dass die Kategorien Tasse und Schüssel teilweise ineinander übergingen und vor allem vom Verhältnis Weite-Tiefe des Gefäßes abhingen, ob ein Henkel vorhanden war oder auch, mit welchem Inhalt das Gefäß gefüllt war. Somit gab es „zentrale Vertreter, die auch die üblicherweise assoziierten (enzyklopädischen) Merkmale wie [mit Henkel], [für Kaffee] etc. aufwiesen, aber auch solche, deren einzige Übereinstimmung mit diesen ’Prototypen’ die Eigenschaft des Gefäßhaften war.“ (Blank, 2001: 46) Daraus ging nun „der Begriff des Prototyps als bestes Exemplar bzw. Beispiel, bester Vertreter oder zentrales Element einer Kategorie“ (Kleiber, 1993: 31) hervor. Es handelt sich hier also um eine Art von Prototypikalität, bei der ein bestimmter Referent das Zentrum einer Kategorie bildet. Darüber hinaus gibt es allerdings auch noch einen zweiten Typen von Prototypikalität. Als Beispiel soll hierfür die Kategorie Vogel dienen. Die Vertreter, die dieser Kategorie angehören sind allesamt Vögel im biologischen Sinne. Keiner davon ist „mehr oder weniger“ ein Vogel. „Im Unterschied zu Labovs Tassen bilden die einzelnen Vogelarten selbst Unterkategorien: Wir haben eine eigenständige Konzeption von Spatzen, Eulen oder Straußen“ (Blank, 2001: 46f). So wurden bei verschienen Zuordnungsversuchen die zentralen Vertreter der Kategorie Vogel (wie z.B. Spatz oder Amsel) signifikant schneller als solche erkannt als randständige Vertreter (wie z.B. Pinguin oder Strauß). Daraus ließ sich folgender Schluss von Eleanor Rosch ziehen:

Daraus ergibt sich eine nicht zu unterschätzende Konsequenz, die als Unschärfe bzw. fuzziness von Kategorien bezeichnet wird. „Die Grenzen einer Kategorie sind häufig nicht scharf umrissen […]; in solchen Fällen kann die Frage nach der Zuordnung zu einer Kategorie […] nur mit einem bedingten Ja oder Nein beantwortet werden.“ (Kortmann, 1999:175) Diese Behauptung soll hier kurz an einem Beispiel Lakoff’s (vgl. Kleiber, 1993: 35) verdeutlicht werden. So werden die folgenden Aussagen graduell und nicht absolut als wahr oder falsch eingestuft. Diese Unschärfe entsteht dadurch, dass ein relativ augenfälliges Merkmal wie z. B. [kann fliegen] auch auf die Fledermaus zutrifft, was sie wieder in die Nähe von Vogel rückt. Andererseits verzichtet der Pinguin, der ja im Gegensatz zur Fledermaus biologisch gesehen ein Vogel ist, auf ein wichtiges Merkmal, nämlich [hat Federn] und ist somit weit davon entfernt, ein „typischer Vogel“ zu sein. Dies wurde auch experimentell bewiesen. Bei Versuchen, die dem o. g. Labov’schen ähnelten, sollten die Probanden Begriffe wie eben Spatz, Küken, usw. in Kategorien einteilen. Dabei stellte sich heraus, dass periphere Vertreter signifikant langsamer eingeordnet wurden als zentrale, was die gerade erwähnte Unschärfe der Kategorien unterstreicht.

Familienähnlichkeit, Prägnanz und cue validity

Das gerade erwähnte Problem der fuzziness lässt sich mit Hilfe des sog. Konzepts der Familienähnlichkeit, das von Ludwig Wittgenstein geprägt wurde, lösen. Wie wir bereits gesehen haben, gibt es innerhalb einer Kategorie Vertreter, die keines oder nur wenige Merkmale gemein haben. Daraus resultierte ja auch besagte Unschärfe. Wittgenstein stellte nun anhand der Kategorie Spiel sein Konzept wie folgt auf:

Auf unser Beispiel Vogel lässt sich diese Theorie folgendermaßen anwenden. Es gibt natürlich wichtige Merkmale, um einen Referenten als Vogel zu kategorisieren, wie z.B. [kann fliegen] oder [hat Federn]. Diese müssen aber nicht allen gemein sein, wie man am Vergleich Spatz – Pinguin sehen kann, da „das Gesamtgebilde die für das Modell der Familienähnlichkeit charakteristischen Überschneidungen und Überlappungen aufweist.“ (Kleiber, 1993: 37) Aus dieser Konzeption Wittgensteins ergeben sich noch andere Konsequenzen, die zur Erweiterung der Standardversion der Prototypensemantik führen, auf die ich noch eingehen werde. Aus der eben beschriebenen Theorie geht hervor, dass zwischen zentralen Vertretern einer Kategorie ein hoher Grad an Familienähnlichkeit besteht, da sie viele zentrale oder prägnante Merkmale gemeinsam haben. Wie Blank (Blank, 2001: 47f) auch feststellt, geben diese weniger darüber Auskunft, ob ein Referent dieser oder jener Kategorie angehört, sondern vielmehr wie groß die Nähe zum Prototypen ist. Außerdem tragen Intensität, Frequenz, Vertrautheit, gute Gestalt und Informationsgehalt zur Prägnanz eines Merkmals bei. Dabei ist der Prototyp nicht in erster Linie abhängig von einer bestimmten Einzelsprache, sondern von der Prägung durch die Außenwelt, also das spezielle enzyklopädische Wissen. Daher können Prototypen regional verschieden sein. Während in Mitteleuropa eher der Spatz den prototypischen Vogel darstellt, ist dies in Südamerika möglicherweise der Tukan. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, noch kurz auf den aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung entlehnten Begriff cue validity einzugehen. Sie zeigt an, wie häufig ein bestimmtes Merkmal einer Kategorie zugeordnet wird, also den Grad der Familienähnlichkeit. Merkmale mit hoher cue validity sind also ausschlaggebend für die Kategorisierung eines Referenten. „Für die Kategorie Vogel wäre dies z.B. das Merkmal [flugfähig], und daher tun wir uns auch schwerer, flugunfähige Vögel, wie den Pinguin, als Vogel zu erkennen.“ (Blank, 2001: 47) Derartige Wahrscheinlichkeiten werden mit Hilfe von Versuchen ermittelt, bei denen die Probanden bestimmten Kategorien Merkmale zuweisen müssen. Eine hohe Anzahl von Nennungen ergibt in der Folge eine hohe cue validity.

Heckenausdrücke

Ein weiteres Phänomen im Bereich der Prototypensemantik stellen Heckenausdrücke oder sog. hedges dar. Wie zuvor schon deutlich wurde, sind die Grenzen von Kategorien nicht immer scharf umrissen und klar erkennbar. Taylor (vgl. Taylor, 1995: 68-74) führt zu diesem Punkt die Begriffe expert categories und folk categories ein. Dabei sind letztere diejenigen Kategorien, die im täglichen Leben benutzt werden und meist ein wenig unscharfe Grenzen haben. Expertenkategorien sind dagegen oft dazu da, Kategorien scharf gegeneinander abzugrenzen. Taylor nennt die Kategorie ungerade Zahlen als Beispiel. Für Mathematiker (also Experten) sind alle ungeraden Zahlen gleich und die Kategorie daher nicht prototypisch strukturiert. Einem Nicht-Mathematiker (also Nicht-Experten) erscheint allerdings die Zahl 3 als ein prototypischerer Vertreter der Kategorie ungerade Zahlen als die Zahl 447. Die Kategorie ist hier also eindeutig prototypisch strukturiert, da wir im täglichen Leben oft mit kleineren Zahlen umgehen müssen und daher diese zentralen Vertreter der Kategorie ungerade Zahlen entstehen. Um nun vorhandenes bzw. fehlendes Expertenwissen zu relativieren, benutzen wir Formulierungen wie z.B. streng genommen, im weitesten Sinne, eigentlich, schon irgendwie. „Ein (proto)typischer Konfliktreferent ist z.B. der Wal: Er kann schwimmen und lebt ausschließlich im Meer; in einer volkstümlichen Kategorisierung ginge er also als Wal“fisch“ durch für Experten ist er hingegen ein Merressäuger.“ (Blank, 2001: 48) Aufgrund eines unterschiedlich hohen Grades an Expertenwissen können nach Blank nun folgende Aussagen entstehen:

In diesem Beispiel werden Hecken dazu benützt, um einerseits eine Kategorie schärfer abzugrenzen (a) und andererseits um einer falschen Aussage noch einen gewissen Wahrheitsgehalt zukommen zu lassen (b). Durch Heckenausdrücke kann man allerdings auch zum Ausdruck bringen, ob der Referent ein zentraler oder peripherer Vertreter einer Kategorie ist. (Taylor, 1995: 77) Dabei möchte ich das obige Beispiel weiterführen: So weist die in (a) benutzte Hecke auf einen randständigen Vertreter einer Kategorie hin, während die in (b) benutzte Hecke auf einen zentralen Vertreter hinweist. Eine letzte Funktion von hedges, die an dieser Stelle besprochen werden soll, ist die Möglichkeit, durch sie die Grenzen von Kategorien flexibler zu gestalten. Auch hierfür soll uns der Walfisch wieder als Beispiel dienen. Während (a) schlicht und ergreifend falsch ist, so ist (b) durch die hier benutzte Hecke zumindest nicht mehr offensichtlich falsch, sondern in gewisser Weise wahr. Die Kategorie Fisch wurde also durch den Heckenausdruck im weitesten Sinne erweitert. Taylor fasst die hier vorgestellten Funktionen von Hecken folgendermaßen zusammen: „Hedges require us to distinguish between central and peripheral members of a category […], as well as between different degrees of non-membership in a category […]. They show that category boundaries are flexible […].” (Taylor, 1995: 80)

Basic level terms

Während sich die vorangegangenen Kapitel mit der horizontalen, kohyponymischen Ebene der Prototypensemantik befasst haben, werde ich mich in diesem Kapitel kurz der vertikalen, hyponymischen Ebene, also der Aufteilung in übergeordnete und untergeordnete Kategorien, widmen. Rosch schlägt für die Unterteilung der vertikalen Achse drei Ebenen vor (Rosch, 1975):

Die auf Basisebene gebrauchten Wörter weisen nun, ähnlich zu den in Kap. 2 beschriebenen Farbbezeichnungen, verschiedene linguistische Merkmale auf (vgl. Taylor, 1995: 49f): Sie sind in der Regel kurz und meist monomorphemisch (z.B. Tisch), wohingegen es sich auf untergeordneter Ebene oft um Komposita (z.B. Küchentisch) handelt. Die beiden eben genannten Phänomene beziehen sich auf Basis- und untergeordnete Ebene. Bei der übergeordneten Ebene lassen sich mehrere Erscheinungen feststellen, die allerdings sprachenabhängig sind. An dieser Stelle sei beispielhaft nur kurz auf ein Merkmal übergeordneter Kategorien des Deutschen hingewiesen. Während die übergeordneten Kategorien Obst und Gemüse vom grammatischen Geschlecht her neutral sind, wird auf Basis- und untergeordneter Ebene eine genusbezogene Spezifizierung vorgenommen (z.B. der Apfel, die Karotte). Die Nennung weiterer Beispiele würde hier jedoch zu weit führen. Darüber hinaus ist für basic level terms eine weitere Eigenschaft charakteristisch: „Diese Kategorien sind psychologisch grundlegend in dem Sinn, dass sie die höchste Informationsdichte bei der kognitiven Verarbeitung aufweisen, wie sie sich z.B. in der Schnelligkeit der Erkennung und Kategorisierung (&sbquoSchau mal, ein(e) …!’), der Visualisierbarkeit oder auch der Frühzeitigkeit im Spracherwerb äußert.“ (Kortmann, 1999: 176)

Aus dieser Aussage lässt sich in der Folge nun der Schluss ziehen, dass die Basiskategorien auch kommunikativ eine ziemlich wichtige Rolle spielen, was sich in der Praxis auch bewahrheitet. "Schau mal, ein Tier!" ist in vielen Situationen zu ungenau und wird auch selten benutzt. "Schau mal, ein Vogel!" hingegen ist informativ genug. Man kann also „mit Basiskonzepten zwar relativ genau auf die Welt referieren, aber doch noch so allgemein, dass möglichst viele Referenten erfasst werden.“ (Blank, 2001: 50) Kleiber (Vgl. Kleiber, 1993: 60)stellt am Beispiel der Kategorie Stuhl ein weiteres Merkmal von Basiskategorien vor. Oft ist es der Fall, dass wir bei Basiskategorien im Gegensatz zu übergeordneten Kategorien ein klares motorisches Programm haben, wie wir damit umgehen. Wir wissen genau, wie wir zu handeln haben, wenn wir einen Stuhl benützen wollen (wir müssen uns darauf setzen). Betrachtet man nun die übergeordnete Kategorie Möbel, so stellt man fest, dass sich kein klares motorisches Konzept zur Benutzung eines Möbels ergibt, da diese Bezeichnung zu allgemein ist. Man kann lediglich vermuten, ob man sich vielleicht darauf setzt, etwas darin verstaut, etc. Dabei werden diese Vorstellungen jedoch von den Basiskategorien Stuhl, Schrank, etc. gesteuert, da man sich immer ein derartiges Möbelstück vorstellt. Aus den vorangegangenen Überlegungen ergibt sich eindeutig der folgende Schluss: Basic level terms „sind die ersten und die natürlichsten Formen der Kategorisierung“ (Lakoff, 1987: 49)

Die erweiterte Version

Im Folgenden soll nun auf die grundlegenden Veränderungen, die die erweiterte Version der Prototypensemantik mit sich brachte, eingegangen werden. Dabei ist es in diesem Rahmen nur möglich, die wichtigsten Gesichtspunkte herauszugreifen. Wie ich bereits angedeutet habe, ist die erweiterte Version der Prototypensemantik u. a. aus [Ludwig Wittgenstein|Wittgensteins]] Überlegungen zum Thema Familienähnlichkeiten hervorgegangen. Am Beispiel der Kategorie Spiel stellt er dar, dass Vertreter einer Kategorie oft keine gemeinsamen Eigenschaften verfügen, sondern nur über ein Netz von sich überlappenden Eigenschaften (also Familienähnlichkeiten) miteinander verbunden sind, (vgl. Blank, 2001: 50) so dass sich z.B. folgende Kette ergibt:

Dabei haben z.B. das erste und das letzte Glied überhaupt keine Gemeinsamkeit mehr, gehören aber derselben Kategorie an. „Auf dieser Basis wird die Konzeption des Prototypen als des besten Vertreters einer extensionalen Kategorie aufgegeben […].“ (Blank, 2001: 50)Als Konsequenz aus diesen Überlegungen blieben folgende zwei Thesen übrig (vgl. Kleiber, 1993: 113): Somit musste ein anderes Konzept geschaffen werden, das diesen Thesen Rechnung trug. Man kam dabei nicht umhin, auch übertragene Bedeutungen eines Wortes in die Konzeption von Kategorien mit einzubeziehen. „Ausgangspunkt dieser Konzeption von &sbquoKategorie’ ist aber unversehens nicht mehr eine mehr oder weniger klar abgrenzbare Gruppe von Referentenklassen oder von Weltwissensaspekten, sondern das entsprechende Wort in einer Einzelsprache!“(Blank, 2001: 50-51) So muss man bei Vogel z.B. auch noch übertragene Bedeutungen des Wortes, wie Flugzeug oder seltsamer Mensch betrachten. Die obigen Ausführungen entsprechen den sog. idealized cognitive models (ICM) von Lakoff. Dabei werden verschiedene prototypische Effekte miteinander verbunden, um so das gesamte Konzept Vogel abzudecken. An diesem Beispiel lässt sich auch gut erkennen, dass man sich dabei auf Einzelsprachen beschränken muss. Im Englischen zum Beispiel ist bird eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine junge Frau. Das italienische uccello ist über seine eigentliche Bedeutung hinaus eine vulgäre Bezeichnung für den Penis. Die entsprechenden ICMs würden also wiederum ganz anders aussehen. Mit Hilfe dieses neuen Modells ließ sich nun endlich das Problem der Polysemie lösen. „Die Anwendung des Begriffs der Familienähnlichkeit auf die Prototypentheorie macht den Weg frei für eine Theorie der multireferentiellen Kategorisierung bzw. der Polysemie.“ (Kleiber, 1993: 120) Durch den Wegfall des Prototypen und seine Reduzierung auf prototypische Effekte erscheint Flugzeug nicht als extrem peripherer Vertreter von Vogel, sondern nimmt eine eigene Stellung ein. Dieses Konzept der erweiterten Version trägt auch den zuvor erwähnten Heckenausdrücken Rechnung. Formulierungen wie im weitesten Sinne können also auch auf die Existenz übertragener Bedeutungen hinweisen. So sind Flugzeug oder Fledermaus zwar keine Vögel im biologischen, aber eben im übertragenen Sinn und müssen somit in das Konzept miteinbezogen werden.

Kritik an der Prototypensemantik

Ich möchte in diesem Abschnitt nur auf die Hauptkritikpunkte zu den beiden Versionen der Prototypensemantik eingehen, da es erstens zu weit führen würde, weiter auszuholen, und dies zweitens nicht Sinn und Zweck dieser Arbeit sein soll. Die Standardversion der Prototypensemantik bezieht sich ausdrücklich nicht auf einzelsprachliche Phänomene, sondern untersucht mentale Konzepte sprachenübergreifend. Dabei werden unterschiedliche Kategorisierungen in bestimmten Sprachen übergangen, obwohl sich die kulturellen Hintergründe der Sprachen kaum unterscheiden. Wie Blank (vgl. Blank, 2001: 52f) beschreibt, unterscheiden das Spanische und das Portugiesische durch die zwei Lexeme ave (sp./pt.) und pájaro (sp.) bzw. pássaro (pt.) zwischen einem großen bzw. einem kleinen Vogel, obwohl andere romanische Sprachen nicht diese Unterscheidung machen. Es scheint auch eher unwahrscheinlich, dass sich die Natur auf der iberischen Halbinsel von der in Mitteleuropa derartig drastisch unterscheidet, dass man diese Erscheinung darauf zurückführen könnte. Daran lässt sich gut erkennen, dass die Nichtbeachtung der einzelsprachlichen Ebene, wie es in der Standardversion der Fall ist, nicht wirklich vertretbar ist. Eine weitere Schwierigkeit stellt sich bei der Untersuchung der basic level terms heraus.

Betrachtet man z.B. die Kategorie Obst, so fällt auf, dass Heidelbeere oder Mirabelle keineswegs als prototypische Vertreter eingestuft werden, obwohl sie viele Merkmale mit einer hohen cue validity auf sich vereinigen, was ja eigentlich dazu führen müsste, dass sie nicht als randständige Vertreter dieser Kategorie bezeichnet werden. Diese Einstufung beruht hier vielmehr auf dem Grad der Vertrautheit mit diesen Früchten, welcher bei Apfel oder Birne wesentlich höher ist. (vgl. Kleiber, 1993: 98f) Somit wird klar, dass man sich bezüglich der Prototypikalität nicht immer auf cue validity und Prägnanz verlassen kann, sondern auch einmal das eine oder andere außer Acht gelassen werden kann, was nicht unbedingt zu Klarheit und Einfachheit auf diesem Gebiet führt. Obwohl in der erweiterten Version der Prototypensemantik einige Schwächen der Standardversion (z.B. die Nichtbeachtung der einzelsprachlichen Ebene) beseitigt wurden, bleibt sie auch nicht von Kritik verschont. Laut Blank liegt in ihr eine Missinterpretation Wittgensteins vor: Blank übt in der Folge weiterhin Kritik, indem er darauf verweist, dass mit Wittensteins Konzept nur die Relation der Mitglieder einer Kategorie untereinander beschrieben werden kann, keineswegs aber kategorienübergreifende Verhältnisse. Außerdem wirft er der erweiterten Version vor, die eindeutig vorhandenen Vorteile der Standardversion zu verwischen. (vgl. Blank, 2001: 54)

Zusammenfassung

Eines der Hauptmerkmale der Standardversion der Prototypensemantik ist vor allem das Vorhandensein eines zentralen Vertreters einer Kategorie (also eines Prototyps), der als bester derselben gilt. Von ihm ausgehend wird die Kategorie strukturiert und anhand des Ähnlichkeitsgrades zu ihm über die Zugehörigkeit eines Referenten zur Kategorie entschieden. Ebenfalls eine bemerkenswerte Erkenntnis ist die vertikale Aufteilung mittels basic level terms. Dabei stellt sich heraus, dass es auf einer gewissen Basisebene zwischen übergeordneter bzw. untergeordneter Ebene eine größtmögliche Informationsdichte bei ausreichender Allgemeinheit gibt, die zu einem weiteren prototypischen Effekt, nämlich zu einer gehäuften Verwendung dieser Lexeme im Alltag führt. Die zwei wesentlichen Punkte der erweiterten Version sind zum einen die Abkehr vom klassischen Begriff des Prototypen und dessen Reduzierung auf sog. prototypische Effekte; zum anderen gilt hier nur noch Wittgensteins Konzept der Familienähnlichkeit als Strukturierungsprinzip. Daraus erarbeitet Lakoff seine sog. ICMs, die sämtliche (auch übertragene) Bedeutungen eines Wortes umfassen sollen und folglich komplizierter aufgebaut sind. Dabei ergibt sich auch automatisch eine Ausweitung auf einzelsprachliche Phänomene, da metaphorische Bedeutungen nur selten und dann in geringem Maße sprachübergreifend sind. „Daher kann man sagen, dass die erweiterte Version mit den Grundprinzipien der Standardversion bricht.“ (Kleiber, 1993: 140)

Bibliographie




     
Das Web Lexikon "Ein Blick zurück" bietet die Moeglichkeit auf einfache Art und Weise in den "alten" Wikipedia-Beiträgen zu blättern. Das Lexikon spiegelt den Stand der freien Wikipedia-Enzyklopädie vom August 2004 wider. Sie finden hier in rund 120.000 Artikel aus dieser Zeit Informationen, Erklärungen, Definitionen, Empfehlungen, Beschreibungen, Auskünfte und Bilder. Ebenso kommen Begriffserklärung, Zusammenfassung, Theorie, Information, Beschreibung, Erklärung, Definition und Geschichte nicht zu kurz. Ein Lexikon das Auskunft, Bericht, Hinweis, Bedeutung, Bild, Aufklärung, Darstellung und Schilderung zu unterschiedlichsten Themen kompakt auf einer Seite bietet.
Impressum ^ nach oben ^