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Neoliberalismus



Dem Neoliberalismus wird eine Reihe von ökonomischen Theorien zugerechnet, die sich auf der Grundlage von Adam Smith und von neoklassischen Theorien mit den Problemen von Entwicklungsländern und dem Handel zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern beschäftigen. Der Neoliberalismus befürwortet eine Liberalisierung des Kapitalmarktes und wird in diesem Zusammenhang oft als neoliberale Reform bezeichnet. Von Anfang an stand die Auseinandersetzung mit Sozialismus und Marxismus im Zentrum.

Der Begriff ist eine historische Selbstbezeichnung, er wird aber auch von Kritikern des Neoliberalismus gebraucht und nicht von Befürwortern, wodurch die meisten Beschreibungen und Diskussionen aus einem kritischen Blickwinkel geschrieben sind. Befürworter von zentralen Konzepten des Neoliberalismus wie z.B. Freihandel und Kapitalismus unterstellen, dass viele der angeführten Beschreibungen und Kritiken irreführend seien, weil Konzepte die von den Befürwortern nicht vertreten werden von Gegnern dennoch als neoliberal klassifiziert würden.

Table of contents
1 Geschichte
2 Forderungen
3 Neoliberalismus als politische Position
4 Markt als Steuerungsinstrument
5 Kritik neoliberaler Politik
6 Opponenten
7 Siehe auch
8 Literatur
9 Weblinks

Geschichte

Der Begriff "Neoliberalismus" wurde von den Ökonomen Friedrich Hayek, Wilhelm Röpke, Walter Eucken, u.a. auf einer Konferenz in Paris im Jahre 1938 geprägt. Dass Wettbewerb im staatlichen Rahmen stattfinden solle, wurde keineswegs in Frage gestellt: eine prägnante Ausformung neoliberaler Ideen findet sich im Ordoliberalismus der Freiburger Schule. Somit bedingt der Neoliberalismus in dieser ursprünglichen Form auch die soziale Marktwirtschaft.

Von Hayek dachte, dass zur Durchsetzung des Konzepts des Neoliberalismus mit einem Prozess zu rechnen wäre, der über zwei bis drei Generationen dauern würde, als politisches Projekt gründete er 1947 die Denkfabrik Mont Pelerin Society. Hayek entwickelte nach dem Zweiten Weltkrieg den Neoliberalismus zu einer dynamischen Theorie sozialer Institutionen weiter und erhielt für seine Arbeit 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Im Allgemeinen bedeutet der Neoliberalismus eine Abkehr des antizyklischen Wirtschaftens im Sinne des keynesianischen Wirtschaftsmodell, das unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschend war. Dieses Wirtschaftsmodell verlor mit den Rezessionen der 70er Jahre seine Glaubwürdigkeit und wurde durch den, u.a. von Milton Friedman entwickelten, Monetarismus ersetzt. Keynes' Modell funktioniere nur in einer geschlossenen Volkswirtschaft.

In einigen südlichen Ländern, die von Kritikern als neoliberale Experimentierfelder bezeichnet werden (Chile, Chicago boys, unter Pinochet), zeichnet sich eine Wende in der wirtchaftspolitischen Ausrichtung ab. Die Armut bleibt als Problem bestehen und der ' Armutsanteil im Jahr 2000 war höher als der von 1980'[1]

Forderungen

Der staatliche Einfluss soll beschränkt sein: Geldmengenpolitik soll stabile Preise durch eine stabile Währung (makroökonomische Stabilität) und durch einen ausgeglichenen Staatshaushalt garantieren.

Darüberhinaus sind konkrete neoliberale Forderungen:

  1. eine Preisregulierung über den Markt
  2. die Deregulierung von Handel und Finanzen, auch durch Abschaffung der Grenzen der Nationalstaaten als Handelshemmnis, durch Freihandelszonen und Handelsabkommenen wie GATT oder GATS
  3. die Privatisierung von staatlichen Monopolen (v.a. die der Daseinsvorsorge wie Telekom, Bahn, Energie) und die private Vorsorge innerhalb der Sozialsysteme

Wichtige Charakteristika sind darüber hinaus ständiger weltumspannender Handel im 24-Stunden-Rhythmus (Echtzeit), kontinuierliche Neubewertung der Märkte, sowie existierende Terminmärkte (für Finanzderivate).

Der Neoliberalismus steht in Verbindung mit den Theorien von Friedrich Hayek, Milton Friedman und Arnold Harberger, sowie internationalen Organisationen wie dem internationalen Währungsfonds. Ronald Reagan und Margaret Thatcher waren die ersten bedeutenden Politiker die teilweise neoliberale Ansätze in den Industriestaaten umsetzten. In Deutschland vertritt vor allem die FDP neoliberale Positionen. In Österreich wandete sich die SPÖ/FPÖ Regierung 1985 mit einer Absage vom Keynesianismus einer restriktiven Budegtpolitik zu, 2003 setzte die ÖVP/FPÖ auf einen neoliberalen Kurs.

Neoliberalismus als politische Position

Durch die Politik des Neoliberalismus werden verschiedene Themen wie Freiheit und die Wahlmöglichkeit an Beruf, Ausbildung und Lebensstil, sowie Eigenverantwortung, Reformen, Effizienz und Wettbewerb neu besetzt.

Neoliberale stehen für klare Kompetenzen sowohl hinsichtlich staatlicher Aufgaben und privater Initiative als auch in Bezug auf die Gremien und Körperschaften der verschiedenen Institutionen (beispielsweise die Neuordnung der Zuständigkeiten von Bund, Länder und Gemeinden), aber vor allem über eine Regelung des Preises und des Angebotes durch einen freien Markt.

"Privat kommt vor dem Staat": Neoliberal denkende Menschen sind der Ansicht, dass ein großer Staatsapparat vom Bürger zu weit entfernt sei und deshalb private Initiativen (Stichwort Freiwilligenarbeit) und Privatwirtschaft gefördert, staatliche Bürokratie und die Staatsbeteiligungen eingeschränkt beziehungsweise ganz aufgegeben werden sollen.

Ein wichtiges Element dabei ist eine möglichst große Transparenz der Märkte, die v.a. durch eine strenge Politik des Antitrust verwirklicht werden soll.

Entscheidend für Neoliberale ist auch die persönliche Verantwortung für sich und sein Leben. Im Gegensatz zu Sozialisten vertrauen Neoliberale nicht auf die Allgemeinheit.

Der Neoliberalismus entfaltet (auch) produktive Kräfte, er überwindet die bornierten Grenzen des Nationalstaates, oder die extrem tayloristische Arbeitsteilung. Wie das Ergebnis der Neuverteilung zu bewerten ist, darüber gibt es jedoch heftige Diskussionen.

Neoliberalismus wird oft in Verbindung mit globalen Organisationen gebracht, unter ihnen die WTO mit ihren Vereinbarungen (das neue GATT, TBT, SPS, TRIPS, GATS, Streitschlichtungsverfahren), Weltbank und der IWF. Seine Verbreitung als Konzept wurde von Ökonomen der Weltbank und des IWF nach dem Zweiten Weltkrieg vorangetrieben, als Antwort auf die Programme zur Förderung von Entwicklungsländer, die nicht den gewünschten Erfolg zeigten: Förderungen für Großprojekte ließen die armen Länder mit Schulden und geringem Wirtschaftswachstum zurück, die größere Bedeutung liegt aber in den 1970er Jahren als Versuch, eine strukturelle Krise zu beantworten.

Markt als Steuerungsinstrument

Die Keynesianischen Ökonomen (wie Stiglitz) meinen, dass der Markt ein schlechtes Instrument sei: Er muss z.B. durch so genannte Regulierungsbehörde, etwa am Telefoniemarkt und andere ausgleichende, administrative Maßnahmen stabilisiert werden. Weiters unterliege er Fehlentwicklungen, da natürlich nur bei entsprechender Kaufkraft die jeweilige Nachfrage bedient werden könne. Es besteht die Gefahr, dass Bedürfnisse, hinter denen keine entsprechende Kaufkraft steht, nicht abgedeckt werden und dass es bei "berechtigten Forderungen" bleibt. Die sozialen Folgeschäden sind dann allerdings wieder von der Allgemeinheit zu tragen. Beispiele für derartige Problemkreise sind in den Bereichen Bildung, Altenpflege, Familienpolitik und zunehmend auch im Gesundheitssystem zu finden.

Kritik neoliberaler Politik

Von Kritikern wird der Neoliberalismus als Politik bezeichnet, die auf Deregulierung und den Rückzug des Staates bzw. verminderter staatlicher Kontrolle zugunsten freier Märkte setzt. Von Gewerkschaften und Globalisierungskritikern werden die von "neoliberaler" Politik geforderten Privatisierungen und die Einschränkung staatlicher Wohlfahrtsleistungen kritisiert, da sie zu einer 'Entfesselung des Marktes', etwa zu einer Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, führen. Dadurch verschärfe sich einerseits die weltweite soziale Lage, andererseits komme es zu einem Verlust demokratischer Teilhabemöglichkeiten.

Tatsächlich können aber in den Wachstums- und Wohlfahrtstheorien positive Auswirkung neoliberaler Wirtschaftspolitik für die Volkswirtschaft nachgewiesen werden, solange beispielsweise Marktversagen entgegen getreten wird.

soziale Effekte der Deregulierung

Es wird kritisiert, dass Neoliberalismus den freien Wolf im freien Stall der freien Hühner frei wildern lässt, also durch diese 'Entfesselung des Marktes' Ungleichgewichte und Unausgewogenheiten (Nord-Süd-Gefälle, Spaltung der Gesellschaft in arm und reich) eher verschärft werden, anstatt sie auszugleichen. Der Rückzug des Staates geht einher mit einer Ausweitung der Marktlogik (vgl. Kommodifizierung). Immer weniger Bereiche unterliegen der Regulation durch den Staat bzw. der Einschränkung durch gesellschaftliche Normen. Dadurch sollen zwar die Marktchancen der Unternehmen verbessert und die Reaktion auf sich verändernde Marktlagen ermöglicht werden, im Gegenzug kommt es zur kurzfristigen Orientierung auf Rendite moralische oder soziale Normen müssen zurückgestellt werden, will das Unternehmen konkurrenzfähig bleiben.

demokratische Teilhabe

Eine weitere Gefahr des Neoliberalismus sehen viele im Verlust demokratischer Einflussmöglichkeiten auf das Gemeinwesen. Je mehr öffentliche Bereiche, etwa gemeinnützige Wohnungsgesellschaften, Wasser und Stromwerke in privates Eigentum übergehen, desto geringer wird der Einfluss des Volkes (der Wähler und der Parteien) auf diese Bereiche. Der angebliche geförderte Wettbewerb, harmonisiert sich in Preisabsprachen der Konzerne, zum Leidwesen der Bürger.

Hier ist konkret die Macht der WTO zu nennen. kommt der völkerrechtlich verbindliche Einfluss der WTO-eigenen Schiedsstelle, die bei Streitfällen vermittelt, auf die nationale Gesetzgebung: Wenn ein (privater) Konzern in einer gesetzlichen Regelung (Umweltschutz, Verbraucherschutz, ...) ein Handelshemmnis sieht ("Notwendigkeitstest"), drohen dem Staat Sanktionen. Eine Schlichtung durch ordentliche Gerichte ist nicht vorgesehen. Dem setzen die Anhänger der neoliberalen Theorie jedoch entgegen, dass in der aktuellen Situation gerade die Einschränkung des Handels mittels tarifärer Handelshemnisse (Schutzzölle) und eine Förderung bestimmter Wirtschaftszweige durch den Staat (Subventionen) zu der Ungleichverteilung auf der Welt führen. So haben es zum Beispiel Entwicklungsländer schwer gegenüber der hochsubventionierte europäische Agrarwirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben. Sie werfen den Industriestaaten vor, nur von den Entwicklungsländern Handelsfreiheit zu fordern, diese jedoch nicht im eigenen Land einführen zu wollen.

Opponenten

Opponenten des Neoliberalismus als wirtschaftliche Theorie sind Ökonomen wie Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen. Auch der Börsenspekulant George Soros warnt nun, nach seinen Spekulationen, vor einem bedrohlichen Marktfundamentalismus. Pierre Bourdieu legte gemeinsam mit anderen mit Das Elend der Welt (1997) eine cultural study zum Thema vor: er sieht eine allgemeine Zunahme von Angst und Unsicherheit, sowie eine gesellschaftliche Spaltung und "Prekarisierung". Zu den Gegnern des Neoliberalismus gehören auch die Freiwirtschaftler, nach deren Meinung schon eine dauerhaft stabile Währung ohne Umlaufsicherung unmöglich sei.

Siehe auch

Homo oeconomicus, Sozialdemokratie, Kapitalismus, Politik, Sozialismus, Monetarismus, Hegemonie,Fordismus, konservativ, Globalisierung, Wirtschaftsethik, Liberalismus, Soziallehre, Public Private Partnership, Daseinsvorsorge, Aussetzung des Handels, Konsens von Washington,

Literatur

Weblinks




     
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