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Musik des 16. Jahrhunderts



Warnung: Dieser Eintrag ist aus Meyers Konversationslexikon von 1888 übernommen und bedarf noch der Überarbeitung, um heutigen Standards gerecht zu werden (vgl. Diskussionsseite) -- 13:08, 21. Jan 2004 (CET)

Die mächtige Anregung, welche um diese Zeit das gesamte geistige Leben Europas durch die wieder erwachte Teilnahme für Kunst und Wissenschaft des Altertums erhalten hatte, und die infolgedessen eingetretene Verfeinerung des Geschmacks trugen wesentlich zu dem Erfolg der niederländischen Tonsetzer bei; nicht minder auch die Kirchenreform Luthers mit ihrer auf individuelle religiöse Betätigung gerichteten Tendenz, kraft welcher die Gemeinde nach jahrhundertelanger Ausschließung vom Kirchengesang sich wiederum an demselben zu beteiligen hatte, sowie endlich die bald nach Erfindung der Buchdruckerkunst gemachte Erfindung des Ottaviano dei Petrucci, Musiknoten mit beweglichen Metalltypen zu drucken.

Dieselben Ursachen aber, welche die Kunst der Niederländer zur vollen Reise gebracht, setzten auch ihrer Alleinherrschaft ein Ziel, denn mit der durch Kirchenreform und Renaissance bewirkten geistigen Befreiung des Individuums erwachte auch bei den anderen Völkern die musikalische Produktionskraft; vor allen bei den Italienern, die noch im Verlauf des 16. Jahrhunderts den Beweis liefern konnten, dass sie, wenn auch zeitweilig vom musikalischen Kampfplatz verdrängt, doch an ihren natürlichen Anlagen keine Einbuße erlitten hatten. Denn die von den Niederländern Claude Goudimel († 1572) und Adrian Willaert († 156?) in Rom und Venedig gestifteten Schulen erreichten erst dann ihre eigentliche Höhe, nachdem dort Palestrina (1524-1594), hier die beiden Gabrieli, Andreas († 1586) und sein Neffe Giovanni († 1612), an die Spitze getreten waren.

Namentlich wurde Palestrinas Wirken für die Zukunft der italienischen Musik von höchster Bedeutung, denn als beim Konzil von Trient die Klage laut wurde, dass die polyphone oder Figuralmusik in ihrem damaligen komplizierten Zustand der Würde des Gottesdienstes mehr nachteilig als vorteilhaft und deshalb ganz aus demselben zu verbannen sei, da waren es seine im Auftrag des Konzils komponierten drei Messen (darunter die berühmte, dem Andenken seines Gönners, des Papstes Marcellus, geweihte "Missa papae Marcelli"), welche die Untersuchungskommission überzeugten, dass die Hauptbedingungen einer wirkungsvollen Vokalmusik; deutliches Hervortreten der Melodie und Verständlichkeit der Textesworte, auch mit Anwendung der kunstvollsten Kontrapunktik recht wohl erfüllt werden können.

Durch diese Messen, deren Aufführung 19. Juni 1565 unter dem begeisterten Beifall der zur Entscheidung obiger Frage versammelten Kardinäle stattfand, wurde die polyphone Kirchenmusik vor dem Untergang bewahrt, den ihre Lostrennung vom katholischen Gottesdienst unvermeidlich nach sich gezogen hätte. Zugleich aber war den Italienern ein ihnen eigentümlicher Kirchenstil geschaffen, wobei er in seiner edlen Einfachheit und Erhabenheit als klassisch gelten darf und unter der Bezeichnung Palestrina-Stil für alle späteren Kirchengesangskomponisten mustergültig geworden ist.

Dem Beispiel Italiens folgte zunächst Deutschland. Schon im 15. Jahrhundert hatte ein Deutscher, Heinrich Isaak aus Basel († um 1530), mit den angesehensten der niederländischen Kontrapunktisten wetteifern können; sein Schüler Ludwig Senfl aber, der Zeitgenosse und Lieblingskomponist Luthers, zeigt in seinen Tonsätzen bereits jene Freiheit, welche die Arbeiten der vorhin genannten Italiener von denen ihrer niederländischen Vorgänger vorteilhaft unterscheidet. In Deutschland war es auch, wo der letzte große Niederländer, Orlandus Lassus (Roland de Lattre, † 1594 in München), die Stätte seiner erfolgreichsten Wirksamkeit fand und eine Schule begründete, welche sich unter anderem durch Johannes Eccard († 1611 in Berlin) fortpflanzte.

Mit diesen Künstlern, zu denen noch Hans Leo Hasler († 1612) gehört, ein Schüler des A. Gabrieli, hatte die polyphone Gesangsmusik den Höhepunkt ihrer Entwickelung erreicht. Mittlerweile aber war ihr eine Gegnerschaft entstanden, hervorgerufen durch die Bestrebungen, das antike Musikdrama wieder zu neuem Leben zu erwecken. Der Schauplatz dieser Bewegung war Florenz, wo in einem Kreis von Künstlern und Gelehrten die Frage erörtert wurde, durch welche Mittel die von den Schriftstellern des Altertums der Musik der Tragödie zugeschriebene Wirkung zu erreichen sei.

Überzeugt, dass der mehrstimmige Gesang auch in der freien Form des weltlichen Liedes, des im Lauf des 16. Jahrhunderts zu hoher Blüte gelangten Madrigals, zum Ausdruck dramatischer Leidenschaften ungenügend sei, suchte man nach einer hierfür geeigneten Gesangsform und fand sie in der bis dahin als Kunstgattung unbekannt gewesenen Monodie ("Einzelgesang") sowie namentlich in dem zwischen Gesang und Sprache die Mitte haltenden Vortrag derselben, den man St. ilorappre sentativo oder recitativo nannte.

Mit diesen Hilfsmitteln unternahm der Kapellmeister Iacopo Peri die Komposition des Dramas "Daphne" von Rinuccini, und die Aufführung dieses Werkes in dem oben genannten Kreis fand solchen Beifall, dass man sich überzeugt hielt, die dramatische Musik der Alten sei nun wirklich wieder aufgefunden. Eine zweite Arbeit dieser Männer aber, die "Euridice", war berufen, einen Markstein in die Geschichte der Musik zu bilden; denn mit der Ausführung dieses Werkes zu Florenz bei den Feierlichkeiten der Vermählung Heinrichs IV. von Frankreich mit Maria von Medici (1600) tritt diejenige Kunstgattung ins Leben, die von nun an ununterbrochen die musikalische Welt beschäftigen sollte: die moderne Oper. Darf Florenz mit Recht als Geburtsstätte der zu dieser Zeit noch Dramma oder Tragedia per musica genannten Oper gelten, so wurde der Schauplatz ihrer ersten und wichtigsten Entwicklungsjahre Venedig. Durch seine geographische Lage den das übrige Italien beherrschenden politischen und kirchlichen Einflüssen entzogen, denen der Nachbarnationen, namentlich des Orients, dagegen um so leichter zugänglich, hatte sich die Republik bei wachsendem Wohlstand auch nach geistiger Seite eigenartig entwickeln können, hatte das dortige Leben jenen glänzenden, farbenprächtigen Charakter gewonnen, welcher nicht nur die Werke der bildenden Kunst, sondern auch seit Willaerts Zeit, namentlich aber unter dessen Schülern, den Gabrieli, die Kirchenmusik der Venezianer von denen der anderen italienischen Schulen unterscheidet.

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Siehe auch: Portal Musik, Geschichte der Musik

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