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Melodram



Das Melodram ist ein strikt konventionalisiertes Genre des populären Dramas, eher theatralisch denn literarisch, durch schnelle und spannende Handlungen, scharf kontrastierte und vereinfachte Charaktere sowie eine bunte Mischung aus Gewalt, Pathos und Humor charakterisiert. Zentrales Motiv ist immer eine Liebesgeschichte, wie sie zwar auch in anderen Genres vorkommen mag, doch niemals in so ausschließlicher Funktion wie im Melodrama. Die fast immer weiblichen Heldinnen zieht es aus der Welt der Vernunft in eine Welt der Gefühle, von der Ratio zur Emotion. Der melodramatische Konflikt ergibt sich durch die Konfrontation des Einzelnen mit den Auflagen und Erwartungen der bürgerlichen Umwelt: aus Situationen der physischen Trennung oder Wiederbegegnung, aus plötzlich enthüllten Geheimnissen, dem Erwachsenwerden, der vehinderten Liebe oder dem Sterben, oder aus Naturkastrophen, Qualen, Leiden und sozialen Ungleichheiten, die eine Liebe verhindern . Das Streben nach Glück wird als ein persönlicher, nicht übertragbarer Prozess geschildert, der sich in einer klar strukturierten bürgerlichen Welt abspielt. Die Bedrohung eines hilflosen Unschuldigen als dramatischer Ausgangspunkt der Handlung ruft vier Hauptcharaktere auf den Plan: den Held und die Heldin, einen Verbündeten, der ihnen assistiert, und der Bösewicht, gegen den sie antreten. Anstelle von tragischer Unvermeidbarkeit nutzt das Melodram Zufall und Überraschung, um die Handlung durchgängig spannend zu gestalten. Um erschütternde Effekte und kraftvolle emotionale Schocks hervorzubringen, werden häufige Handlungshöhepunkte aufgebaut und Szenen der Konfrontation, Verfolgung und Flucht bevorzugt, die in einer herausragenden Szene enden.

Die melodramatische Sichtweise nimmt die Welt wahr als eine Arena eines heftigen moralischen Kampfes, polarisiert in moralische und materielle Extreme, wo die Armen, aber Guten von den Reichen und Korrupten verfolgten werden. Die Grundkraft des Melodrams ist der Bösewicht, eine dynamische und bösartige Gestalt, die vom Publikum als Verkörperung des Bösen aufgefasst wird. Der Bösewicht kann zum Beispiel als dekadenter Aristokrat, Junker, Fabrikbesitzer, Kommunist oder Imperialist dargestellt werden. Am Ende der Geschichte siegen gewöhnlich die sympathischen Charaktere, das Gute wird belohnt und das Böse bestraft, die Gesetze der Moral werden bestätigt. Obwohl der Held manchmal in dieser Welt geschlagen wurde, wird er als moralisch besserer Charakter gezeigt. Ohne Akzeptanz einer allgemeingültigen Moral als höchster Instanz kann sich kein melodramatischer Konflikt entwickeln. Als vorgegebenes Kontrollsystem der Außenwelt wird sie eindeutig formuliert, denn von dieser Moral ausgehend werden die ethischen und psychischen Verhaltensweisen der Figuren abgeleitet. Darstellung, Bedrohung und Bestätigung der Tugend sind demnach kein Selbstzweck, sondern ihnen kommt verstärkende Bedeutung für die Geschichte, die Erfüllung einer Liebe und Protest gegen alles, was dieser entgegensteht, zu. Indem der Zuschauer die Erzählperpektive aus der Sicht des Opfers wahrnimmt, wird Identifikation mit diesem hergestellt. Durch die Formulierung der Verantwortung für das “Böse” auf einer gesellschaftlichen Ebene einerseits und dieser emotionalisierten Opfersicht andererseits, legt das Melodrama direkter als andere Genre Muster der Unterdrückung und Ausbeutung offen und leitet daraus seine Dramatik ab. Passend dazu werden Typen verklärt: die positiven Helden werden mit den vorteilhaftesten, gesellschaftlich respektiertesten Eigenschaften versehen und sollen dem Zuschauer so die Identifikation erleichtern. Negativfiguren auf der anderen Seite sind nicht böse, weil sie wie etwa im Western ihrer Natur nach böse sind, sondern weil sie dem Glück des oder der Helden entgegenstehen. Trotz aller schwarz-weißen Zeichenhaftigkeit erscheinen sie als Getriebene. Das Aufzeigen und Verdeutlichen der Motive aller Figuren macht das Melodrama zu einem “demokratischen Medium”.

Entstanden ist die melodramatische Erzählform in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Frankreich, als sie sich als neues Genre in dem Freiraum zu etablieren begann, der zwischen Komödie und Tragödie offen geblieben war. Der Deutsche August von Kotzebue und der französische Dramaturg Guilbert de Pixerecourt gelten als die Ersten, die dieses Genre populär machten. Schon der Begriff Melodrama deutet auf die zusammengestzte Form aus “Melos”, dem Klang, und “Drama” hin. Durch die Vermischung von sprachdarstellender und musikalischer Form wurde eine Affektgeladenheit erreicht, die den Bedürfnissen des Kleinbürgertums entgegenkam, das zunehmend seiner ökonomischen und künstlerischen Emanzipation entgegenstrebte. Insofern fügt sich die Entstehung des Melodramas in das Zeitalter der philosophischen Aufklärung und des Frühkapitalismus nach 1789 ein, während die bis dahin geltenden Literatur- und Bühnenformen vom Adel dominiert worden waren. Indem das “Bastardgenre” oder “genre larmoyant”, wie es schon damals verächtlich genannt wurde, sich stärker für die emotionalen Leiden und individuelle Wege zur Glückserfüllung des einzelnen (bürgerlichen) Individuums interessierte, wurde Abstand genommen von einer puristischen Weltsicht, nach der der Mensch allein göttlichem Willen ausgeliefert sei. Zudem kann es auch als moralisch-ästhetische Abgrenzung einer selbstbewußten, aufstrebenden Mittelschicht gegenüber dem Proletariat verstanden werden. In einer Zeit großen gesellschaftlichen Umbruchs trug es dazu bei, die neue Ordnung durch Anrufung der Moral zu festigen. Arbeit, Mut und Redlichkeit als Ideale, die einer neuen, bürgerlichen Ethik entstammten, wurden fortan ins Zentrum der Themenwahl gestellt. Immer deutlicher entwickelte sich das Melodrama schließlich zur sozialkritischen Protestform des Bürgertums, in dem die Adeligen und der Klerus kritisiert wurden. Konsequenterweise wird das absolute Glück im klassischen Melodrama von der Mitte der Gesellschaft aus definiert, nicht von ihren Randbereichen. Es kann zwar noch an der Außengrenze, aber nicht jenseits dieser Konventionen liegen, die solange immer wieder beschworen und zitiert werden, bis die Moral sich am Ende schließlich durchgesetzt hat. Das Melodrama kann keine Geschichte erfinden, die nur unter gesellschaftlichen Außenseitern spielt, es sei denn, die gesetzliche Welt der Außenseiter würde als die Umwelt absolut gesetzt. Trotzdem macht sich das Melodrama nicht zwangsläufig den sozialen, moralischen Konsens zu eigen: die Parteinahme, zu der der Zuschauer gedrängt wird, ist immer zugunsten der Liebenden, woraus sich sowohl Gesellschaftskritik als auch moralischer Konformismus entwickeln kann. Ob das Melodrama eine subversive oder eskapistische Funktion übernimmt, hängt nach Thomas Elsaesser von der Betonung der “Odyssee des Leidens” oder des “Happy-Ends” ab. Die Moral übernimmt eine übergreifende Zuständigkeit, indem sie den Helden Grenzen aufzeigt und sie dadurch an sich bindet. Das Melodrama bezeichnet darum nicht nur eine ästhetische Praxis, sondern auch eine Art, der Welt Fragen zu stellen und in Bezug auf seine Helden Antworten zu finden.




     
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