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Marktwirtschaft



Marktwirtschaft ist ein Sammelbegriff für verschiedene Wirtschaftssysteme denen gemeinsam ist, dass Güter auf einem Markt getauscht werden. Angebot von Waren wird durch deren Nachfrage geregelt und umgekehrt. Produktion wie Konsumtion von Gütern wird letztlich über einen Markt gesteuert.
Marktwirtschaft grenzt sich damit von der Subsistenzwirtschaft ab (Produktion nur für den eigenen Bedarf, Konsumtion der selber erzeugten Produkte), und zum anderen von der Planwirtschaft (Produktion wie Konsumtion werden zentral geplant).

Markt- wie Planwirtschaft sind Organisationsformen für eine arbeitsteilige Wirtschaft, bei der die "Teilnehmer" aus eigenem Interesse zusammenfinden, um die produzierten Güter unter vorgegebenen Normen zu übertragen.

Table of contents
1 Formen der Marktwirtschaft
2 Geschichte der Marktwirtschaft
3 Literatur
4 Weblinks

Formen der Marktwirtschaft

Freie Marktwirtschaft

Bei der freien Marktwirtschaft bestimmen lediglich Angebot und Nachfrage die Wirtschaftstätigkeiten. Gesellschaftliche beziehungsweise staatliche Eingriffe, bei der Angebot und Nachfrage gewissen Regeln unterworfen werden, finden nicht statt. Die freie Marktwirtschaft existiert in ihrer reinen Form nur in der Theorie. In der Praxis zeigt sich die Notwendigkeit gesellschaftliche Regeln einzuführen. Unterschiede in Kenntnis, Wissen und Fähigkeiten bei den Marktteilnehmern führen ohne Regelungen zur Deformation der Marktwirschaft (Monopole); externe Faktoren, zum Beispiel verschmutzte Luft, werden am Markt nicht berücksichtigt (ökologische Marktwirtschaft); in der Zukunft sich auswirkende Handlungen werden nicht ausgeführt (warum soll ich einen Baum pflanzen, der erst in 100 Jahren auf den Markt gebracht werden kann) (Nachhaltigkeit).

Schon Jeremy Bentham und seine Nachfolger haben solche Einschränkungen erkannt. Der an sich liberal eingestellte Utilitarist Bentham entwickelte aus sozialen Gründen den felicific calculus. Diese Philosophie beruht auf der Grundlage, dass das größte zu erreichende Gut dasjenige wäre, welches zum "größtmöglichen Glück für die größtmögliche Zahl" führt (greatest happiness for the greatest number). Der praxisnahe Sozialreformer schränkte allerdings später das zweite Prinzip zum greatest happiness principle ein. Es hat Ähnlichkeiten mit heutigen Encounter-Leitlinien der sozialen Interaktion.

Soziale Marktwirtschaft

Zur Abgrenzung einer sozialverantwortlichen Form des Kapitalismus von seiner reinen Ausprägung wurde 1947 der Begriff soziale Marktwirtschaft geprägt. Die Ökonomie der BRD wird diesem Begriff zugeordnet. Unter Einbindung des Umweltschutzes prägen Josef Riegler und andere um 1986 den Begriff ökosoziale Marktwirtschaft - zwar noch wenig gebräuchlich, aber in seinen Inhalten als Leitlinie anerkannt.

Die soziale Marktwirtschaft (auch "Rheinischer Kapitalismus") wurde in den 1950er Jahren von Konrad Adenauer als Alternative zur damaligen Mehrheitsmeinung der CDU-Mitglieder, doch insbesondere zu dem von der SPD geforderten Sozialismus entworfen. Gleichzeitig wurde er auch in anderen Staaten entwickelt. Wichtige Schritte in Österreich waren beispielsweise Kartellverbote und Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb.

Um 1960 war die zunächst heftige Kritik an der sozialen Marktwirtschaft versiegt. Die Marktwirtschaft hatte ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt, und die Devise "Wohlstand für alle" von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard schien keine Utopie mehr zu sein: Das enorme Wirtschaftswachstum der fünfziger Jahre ermöglichte zugleich die Eingliederung der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen und den Ausbau der Sozialpolitik. Doch das nächste heiße Thema wartete schon: der (teilweise oder vermeintliche) Widerspruch zwischen Familien- und Frauenpolitik. Immerhin meinten Ende 1963 über 62 % der Deutschen, es ginge ihnen im Moment am Besten.

==> Geistige Väter der Idee nach dem Weltkrieg waren Alfred Müller-Armack und der erste Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Während Armack eher der "Denker" war, musste Erhard innerhalb und außerhalb seiner eigenen Partei, der CDU, jahrelang für die Umsetzung der Idee einer nicht staatlich gelenkten Allokation von Waren und Dienstleistungen kämpfen - obwohl anfangs längst nicht alle Preise auf einmal freigegeben worden sind. Erhard hat die Idee der Marktwirtschaft insbesondere in seinem Werk 'Wohlstand für alle' propagiert.

Karl von Vogelsang (1818 - 1890) hat als einer der wichtigsten Sozialreformer der Gründerzeit die christliche Soziallehre geprägt, während fast gleichgzeitig die sozialistische Bewegung den "Dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus entwickelte (erste Parteigründungen England 1883 Hyndman, Deutsches Reich Bebel und Liebknecht 1869/75).

Ansätze der sozialen Marktwirtschaft gehen auf den Kathedersozialismus (siehe Verein für Socialpolitik und Historische Schule) zurück.

Wesentliche Namen sind Adolph Wagner, Gustav v. Schmoller und besonders Lujo Brentano, sowie außerhalb dieser direkten Tradition Wilhelm Röpke.

Interpretation von "sozial"

Das Adjektiv "sozial" wurde und wird unterschiedlich interpretiert: Erhard ging - ganz im Sinne von Adam Smith und den Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts - davon aus, dass Marktwirtschaft immer sozial wäre, da eigennütziges Handeln des Einzelnen zur Steigerung des Gemeinwohls führe; 'soziale Marktwirtschaft' wäre demnach ein Pleonasmus.

Adenauer ließ aus politischen Gründen den Begriff 'freie Marktwirtschaft' zugunsten des Begriffs 'soziale Marktwirtschaft' fallen und benützte die Instrumente der Umverteilung (Steuerprogression, Sozialversicherungssystem, Sozialhilfe, sozialer Wohnungsbau) als Argumente für das 'Soziale' in der bundesdeutschen Wirtschaftsform. So sollte die damals weit verbreitete Forderung nach einer - angeblich sozialeren - "planwirtschaftlichen" Wirtschaftsform (richtiger: Zentralverwaltungswirtschaft) analog zur DDR) entkräftet werden.

Kritik am Begriff der 'sozialen' Marktwirtschaft übte von nicht-sozialistischer Seite insbesondere Friedrich A. Hayek, der vor allem im Begriff 'sozialer Rechtsstaat' einen inneren Widerspruch sah.

Während die Praxis der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland weitgehend unumstritten ist und mit der Sozialstaatsgarantie ihren Niederschlag im Grundgesetz gefunden hat, bestehen gravierende Unterschiede in der Auslegung von Begriff und Zielsetzung einer so benannten Wirtschaftsform. Wiederholt bricht beispielsweise (in Wellen von einigen Jahren) der alte Streit zwischen Monetaristen und Keynesianern auf und findet seinen Niederschlag auch in der Berufung oder Nichtberufung von Wirtschafts-Wissenschaftern in die Kreise der so genannten Wirtschaftsweisen. Neuere Beispiele für solchen Streit sind die keynesianisch begründeten Publikationen und öffentlichen Auftritte des ehemaligen Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine.

Wesentlichen Problemfelder der bundesdeutschen Marktwirtschaft sind derzeit Arbeitslosigkeit, Rentensysteme, Gesundheitswesen und Ökologie.

Resümee zur sozialen Marktwirtschaft

Die soziale Marktwirtschaft scheint ein guter Kompromiss zu sein: sie erlaubt einerseits dem Unternehmer freie Möglichkeiten zur Entfaltung, andererseits bietet sie dem Arbeitnehmer eine soziale Absicherung. Nach dem Subsidiaritätsprinzip (siehe katholische Soziallehre) übernimmt der Staat einen Teil der für alle wichtigen, aber nicht gewinnbringenden Aufgaben wie Infrastruktur oder Bildung. Letztlich ist damit allen gedient, auch wenn es in Einzelfällen politische Diskussionen gibt.

Geschichte der Marktwirtschaft

Im Mittelalter hatte sich am Rande einer agrarischen Naturalwirtschaft eine effiziente, regional ausgerichtete Marktwirtschaft entwickelt. Der Austausch, der von Handwerkern gefertigten Produkte, erfolgte auf einem durch Körperschaften (Zünften, Räten etc.) organisierten und durch persönliche Beziehungen geprägten Markt. Diese Körperschaften »planten« das Marktvolumen, indem sie die Zahl der Produzenten strikt begrenzten. So sollte ein Gleichgewicht von Produktion und Konsumtion gewährleistet werden. Diese Regulation bezog sich auch auf die Produktionsmethoden, Werkzeuge und deren technische Innovation. In dieser regulierten Marktwirtschaft gab es keinerlei Platz für Konkurrenz.

Die heutige kapitalistische Form der Marktwirtschaft entstand zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Im Absolutismus bildete sich ein moderner Territorialstaat aus, für dessen bürokratische und militärische Bedürfnisse eine Expansion der Geldwirtschaft notwendig wurde. Im Außenhandel sollten die für den zentralen Staat notwendigen Geldüberschüsse erwirtschaftet werden. Der Merkantilismus versuchte deshalb die durch Zünfte stark regulierten lokalen Märkte für den entstehenden Weltmarkt aufzulösen. Zunehmend wurden die für lokale Märkte produzierenden Handwerker und Kleinbauern der anonymen Konkurrenz überregionaler, weltweiter Märkte unterworfen.

Ideologische Grundlage für das heutige Wirtschaftsystem liefert die Theorie von Adam Smith (1723-1790) mit dem Bild von der "unsichtbaren Hand des Marktes", die aus den egoistischen Handlungen des Einzelnen automatisch das Beste für den allgemeinen Wohlstand erzeugen würde. Diese Behauptung wurde seither regelmäßig angezweifelt, doch als Grundlage des kapitalistischen Systems bildet sie das Fundament der heutigen Wirtschafts- und Finanzwissenschaft.

Siehe auch: Marktpreis, Nachhaltigkeit, Liberalismus, Neoliberalismus, sozialliberal, Weltwirtschaftsforum, Werbung, "Dritter Weg", Jeremy Bentham, Karl Vogelsang, New Deal, Sozialethik, Sozialpolitik, GIS, Wirtschaftsstatistik

Literatur

  1. Erhard, Ludwig: Wohlstand für alle.
  2. Hayek, Friedrich A: Freiburger Studien.
  3. Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft ISBN 3-548-36308-3
  4. Müller-Armack, Alfred: Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft.
  5. Pospisek, Merlin: Der neue Markt

Weblinks




     
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