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Intersexualität



Intersexualität ist eine Bezeichnung, die gemeinhin für Menschen mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen verwendet wird. Einige Intersexuelle bevorzugen jedoch den Ausdruck Hermaphrodit.

Table of contents
1 Biologische Aspekte
2 Soziale Aspekte
3 Kulturelle Aspekte
4 Historische Aspekte
5 Intersexualität und Transgender
6 Weblinks

Biologische Aspekte

Uneindeutigkeiten des Körpergeschlechts können verschiedene Ursachen haben:

  1. Chromosomale Variationen: Statt den häufigsten Variationn der Geschlechtschromosomen XX (weiblich) und XY (männlich) gibt es u.a. auch die Varianten X0, bekannt als Turner-Syndrom mit einem weiblichen Phänotypus und einem weiblichen Identitätsgeschlecht), und XXY, das Klinefelter-Syndrom mit männlichem Phänotypus und meist männlichem Identitätsgeschlecht.
  2. Gonadale Variationen : Fehlende oder nicht im selben Maße entwickelte Hoden oder Eierstöcke, alternativ auch nur ein Hoden und ein Eierstock.
  3. Hormonelle Variationen : Signifikante Abweichungen im Spiegel der Geschlechtshormone, gegebenenfalls mit entsprechenden Folgen wie Gynäkomastie (Brustentwicklung bei Männern) oder Bartwuchs bei Frauen. Diese kann unterschiedliche Ursachen haben.
  4. Anatomische Variationen : Von der vollständigen Anlage beider Sätze von Geschlechtsorganen (so genannter vollständiger Hermaphrodismus) bis zu eher kulturell bedingten Einschätzungen wie "zu kleiner" Penis oder "zu große" Klitoris sind sehr viele Variationen bekannt.

Viele intersexuelle "Syndrome" bestehen nicht nur aus einer einzigen nachweisbaren Variation, sondern entstehen im Zusammenspiel mehrerer Faktoren, so zum Beispiel bei AIS (Androgen-Rezeptor-Defekt, Androgenresistenz). Bei (vollständigem) AIS entwickeln sich zum Beispiel bei einem Fötus mit XY-Chromosomen Hoden, die im Körper verbleiben. Die Rezeptoren für Testosteron fehlen jedoch, so dass sich ein weibliches äußres Geschlecht (allerdings ohne weibliche innere Organe) entwickelt; das Identitätsgeschlecht ist meist weiblich.

Eine Übersicht findet sich unter Intersexuelle Syndrome.

Soziale Aspekte

Die soziale Akzeptanz von Intersexuellen und Intersexualität reicht von der Verehrung bis zur Tötung intersexueller Menschen. In den westlichen Kulturen der Neuzeit wurde (und wird teilweise noch) angenommen, dass es wissenschaftlich möglich sei, das wirkliche Geschlecht eines jeden Menschen zu bestimmen. Gleichfalls wurde angenommen, dass es im Interesse des Intersexuellen sei, die körperlichen Gegebenheiten diesem "wirklichen" Geschlecht anzupassen.

Kritiker von Seiten der Intersexuellen wenden hingegen ein, dass die Festlegung, welches Geschlecht denn nun das wirkliche sei, häufig unmöglich sei, auf jeden Fall aber immer subjektiv. Außerdem sei diese häufig eher von praktischer Machbarkeit bestimmt gewesen als von anderen Faktoren. ("Es ist einfacher, ein Loch zu machen als einen Pfahl zu bauen.") Weiterhin wurde, da die entsprechenden medizinischen Eingriffe (siehe geschlechtsangleichende Operation) fast immer im Säuglings- und Kleinkindalter vorgenommen wurden, der für die Betreffenden wichtigste Faktor, das Identitätsgeschlecht, nicht berücksichtigt.
Unbestritten ist auf jeden Fall, dass sich viele dieser Zuweisungen als falsch herausgestellt haben, und dass viele Intersexuelle nicht nur körperliche Schäden aufgrund der schmerzhaften Eingriffe davongetragen haben (zum Beispiel wenn eine "zu große" Klitoris so verkleinert wurde, dass die Sensibilität verloren ging), sondern auch psychische Schäden durch den - im Gegensatz zur Erziehung nicht intersexueller Kinder bewusst und besonders stark ausgeübten - Druck, sich dem zugewiesenen Geschlecht entsprechend zu verhalten, häufigen Untersuchungen, und dem routinemäßigen Verschweigen der Diagnose.
Aufgrund dieser Proteste haben sich bereits erste Anzeichen für eine Änderung dieser Praxis gezeigt.

Viele Intersexuelle argumentieren daher häufig (zusammen mit Transgendern) auch, dass die westliche Vorstellung von genau zwei sauber unterscheidbaren Geschlechtern (siehe Heteronormativität) falsch ist.

Kulturelle Aspekte

In einigen Kulturen und Religionen – so nach einer nicht-traditionellen Interpretation auch im heiligen Buch des Islam (Koran XLII, 49-50) – werden Intersexuelle (oft zusammen mit Transgender-Personen) als Angehörige eines dritten Geschlechts betrachtet. In christlichen Ländern wird dagegen häufig noch argumentiert, dass Gott die Menschen ausschließlich als Mann und Frau geschaffen habe. Daher wurden Hermaphroditen gerade hier immer wieder gezwungen, sich einem dieser beiden Geschlechter anzupassen.

1999 hat die intersexuelle Theologin Sally Gross diese Form der Zwangsanpassung als Folge eines Übersetzungsfehlers analysiert und gezeigt, dass im jüdischen Talmud auch andere Auslegungen der heiligen Schrift zu finden sind. In ihnen wird die Existenz von Hermaphroditen nicht nur anerkannt, sondern sogar ausdrücklich auf biblische Gestalten bezogen. [1]

Historische Aspekte

Die Assimilierung von Hermaphroditen oder Zwittern, wie Intersexuelle vor der Einführung dieses Begriffes meist genannt wurden, in die beiden Geschlechter "Mann" und "Frau", die womöglich aus einer falschen Auslegung der Bibel resultierte (s.o.), erhielt mit der modernen Medizin eine völlig neue Qualität. So stellte in Preußen das Allgemeine Landrecht Hermaphroditen noch frei, sich bis zu ihrer Volljährigkeit entweder für das männliche oder für das weibliche Geschlecht zu entscheiden. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen Mediziner jedoch zunehmend für sich in Anspruch, anhand willkürlicher und sich über die Zeit hinweg verändernder Kriterien das "wahre" Geschlecht von "Pseudo"-Hermaphroditen unabhängig von deren Willen zu bestimmen; mit oft traumatischen Folgen für diejenigen, die plötzlich aus ihrem angestammten Leben gerissen und einem ihnen fremden Geschlecht zugewiesen wurden. Dies lässt sich unter anderem an der Autobiographie und dem Selbstmord von Herculine Barbin ablesen.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden "Pseudo"-Hermaphroditen darüber hinaus als "missgebildet" und "krank" klassifiziert. Ihre Genitalien wurden nicht selten von Ärzten abfotografiert und öffentlich zur Schau gestellt. Doch erst in den 1950er Jahren war die Medizin so weit, ihre Heilungsinteresse auch praktisch geltend zu machen. Zu diesem Zeitpunkt begann der amerikanische Arzt und Psychiater John Money, mit frühkindlichen Operationen an Intersexuellen zu experimentieren. Das Ziel war es, die fehlende Geschlechtseindeutigkeit spätestens bis zum zweiten Lebensjahr durch massive chirurgische und hormonelle Eingriffe zu beheben. Die Empfehlung Moneys, das künftige Geschlecht des Kindes einfach nach Machbarkeit auszuwählen, setzte sich schließlich 40 Jahre lang als internationaler Standard durch, wird jedoch seit Mitte der 1990er Jahre sowohl durch die Proteste von Intersexuellen als auch durch die Kritik von renommierten Medizinern wie Milton Diamond zunehmend in Frage gestellt. (Vergleiche auch David Reimer.)

Einige Intersexuelle stellen heute die in der westlichen Kultur und Tradition tief verankerte Vorannahme in Frage, dass jede Abweichung von der Zweigeschlechternorm nichts anderes als eine Krankheit, eine Missbildung oder eine Monstrosität sein könne. Wenn auch bei weitem nicht alle Intersexuellen sich zu Angehörigen eines drittes Geschlechts stilisieren wollen, sondern es vorziehen, als Mann oder Frau weiter zu leben, so ist doch gleichwohl die Debatte über die Zahl der Geschlechter in den letzten Jahren neu eröffnet worden.

Intersexualität und Transgender

Transgender sind Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht falsch oder unzureichend beschrieben fühlen. Dies schließt natürlich auch manche, aber keineswegs alle intersexuellen Menschen mit ein. Während in einigen Organsiationen und Bündnissen Transgender und Intersexuelle zusammenarbeiten, da viele Gemeinsamkeiten gesehen werden, lehnen andere Intersexuelle jede Zusammenarbeit mit Transgender ab. (Vergleiche Hermaphrodit, siehe postgender.de.)

Für die medizinische Diagnose Transsexualität hingegen ist Intersexualität formal ein Ausschlußkriterium. Dennoch kommt es immer wieder vor, daß intersexuelle Menschen, welche die Geschlechtsrolle wechseln, gar nicht erfahren, daß sie eigentlich intersexuell sind, und medizinisch und vor allem juristisch (TSG) wie transsexuelle Menschen behandelt werden.

Weblinks




     
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