WEB LEXIKON: Ein Blick zurück
Hauptseite | Aktueller Wikipedia-Artikel

Historismus



Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Stilgeschichte eine Stilrichtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bei der man auf ältere Stilrichtungen zurückgriff und diese nachahmte. Anders als in der vorhergehenden Epoche seit dem 16. Jahrhundert wurde nicht nur versucht, die Architektur der klassischen Antike (wie sie in Rom gefunden wurde) zu kopieren, sondern auch andere Architekturformen, die nunmehr als gleichwertig anerkannt wurden. Einen großen Einfluss übte dabei die Romantik aus, die einen Sinn für das historisch Bedingte entwickeln half.

Viel Wert wurde auf Repräsentation gelegt, was gelegentlich auf Kosten der Funktionalität ging (siehe Universität Wien). Dies ist einer der Gründe, warum der Historismus vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts häufig kritisiert wurde. Auch wurde kritisiert, dass architektonische Zutaten wie Säulen, Medusenköpfe und Akantusblätter rein dekorativ zur Erzeugung einer "historischen Atmosphäre" seien.

Dies drückte sich auch in einem zeitgenössischen Spottgedicht gegen zwei prominente Architekten dieses Stils aus, deren Hofoper die Zeitgenossen enttäuscht hatte: Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.

Table of contents
1 Bauten
2 Stile des Historismus
3 Historistische Architektur in ausgewählten Ländern
4 Historismus vor dem Historismus
5 Historismus in der Wissenschaft

Bauten

Zur dieser Zeit stand die Architektur vor neuen Aufgaben: Die Industrielle Revolution erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden.

Teilweise wurden verschiedenen Baustilen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben: Kirchen wurden im Stil der Gotik oder der Romanik gebaut, Banken und Bürgerhäuser im Stil der Renaissance (der großen Zeit der Stadtkultur vor allem in Italien), Adelspalais im Barockstil, Fabrikhallen dagegen im "englischen Stil" (meist mit unverputzten Backsteinfassaden)

Stile des Historismus

Neugotik

Der (vor allem in Großbritannien) früheste und wichtigste hisoristische Stil ist die Neugotik. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden gotische Formen wiederentdeckt, so beispielsweise bei der "Regotisierung" Wiener Kirchen durch Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg um 1805, die allerdings noch einem klassizistischem Zeitgeschmack geschuldet war, so dass viel authentische Gotik verloren ging. In den 1840er Jahren wurde die Gotik immer mehr als Sinnbild einer Architektur der Bürgerfreiheit empfunden. Bedeutendster Vertreter in Österreich war Friedrich von Schmidt

Neorenaissance

Ein wichtiger historistischer Baustil ist die Neurenaissance in England und Frankreich, für die es auch in Deutschland (KlenzePalais Leuchtenberg) und Österreich (Wiener Staatsoper) Beispiele gibt.

Neobarock

Ebenso zählen Neoromanik und Neobarock (Wilhelminischer Stil) zu den historistischen Baustilen. Letzterer findet in der Pariser Oper, dem Brüsseler Justizpalast und dem Berliner Reichstag seine Höhepunkte.

Neohistorismus

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt es zu neohistoristischen Strömungen, die sich u.a. im Neoklassizismus ihren Ausdruck suchen.

Historistische Architektur in ausgewählten Ländern

Großbritannien

In Großbritannien setzte dies schon Ende des 18. Jahrhunderts ein, ein frühes Beispiel ist die Villa Strawberry Hill, die Horace Walpole um 1775 im neugotischen Stil errichten ließ. Als frühes Meisterwerk der Neugotik gilt auch das Parlamentsgebäude in London aus 1835.

Deutschland

In Deutschland bildete sich mit Karl Friedrich Schinkel zunächst einen ausgeprägter Klassizismus aus. Mit den 1830er Jahren begannen stilistische Mischformen.

Nach 1870/71 breitet sich in Deutschland allgemein ein Eklektizismus genannter Stil aus. Als Initialbau des deutschen, "wilhelminischen" Neobarock gilt eine Wohn- und Geschäftshaus-Bebauung am Beginn der ehem. Kaiser-Wilhelm-Straße in Berlin-Mitte (1887 von Cremer und Wolffenstein).

Weitere historistische Bauwerke in Deutschland:

Der Historismus mit seinen vielen nachgemachten Stilrichtungen hatte nach dessen Ende nach dem ersten Weltkrieg keine besondere Wertschätzung mehr, da man ihm gerade den Rückgriff auf alte Stile vorwarf, er also nicht eigenständig sei. Diese geringe Wertschätzung führte zu einem großen Verlust an Substanz in Deutschland während und nach dem zweiten Weltkrieg. Zahlreich Bauwerke gingen durch den Bombenkrieg verloren, aber durch die recht neue Bausubstanz und guter Ausführung waren auch viele beschädigte Gebäude reparabel. Dennoch wurden sie nicht wiederhergestellt, sondern bewusst abgebrochen und durch Neubauten ersetzt oder modernisiert, sprich ihrer Dekoration beraubt.

Die aufwendige Innenausstattung vieler katholischer Kirchen der Neugotik wurde im Zuge der Umgestaltung gemäß dem zweiten Vatikanischen Konzil vielfach beseitigt und zerstört, weil man deren Stil als Schreinergotik abtat.

Zumindest auf dem Wohnungsmarkt sind heute die Wohnhäuser des späten Historismus (Gründerzeit) wieder begehrt und werden von der Immobilienbranche gerne als Jugendstil-Haus vermarktet.

Links: http://www.historismus.archiv.net/isy.net/servlet/broadcast/page2.html?PARA1=1&PARA2=-1

Österreich

In Österreich unterscheidet man zwischen Frühhistorismus (vor 1870), strengen Historismus (1870-1880) und Späthistorismus (nach 1880). Der Historismus lebte in Österreich, wo er sozusagen zum "Reichsstil" wurde, bis 1914 weiter.

Nach diesem Muster entstanden ganze Stadtbezirke, z.B. in Wien die Ringstraße.

Die bedeutendsten Gebäude der Ringstraße sind:

Bedeutende historistische Architekten:

Links: http://www.historismus.archiv.net/isy.net/servlet/broadcast/page2.html?PARA1=2&PARA2=-1

Wie alle Epochenbegriffe stellt Historismus eine teilweise willkürliche Hilfskonstruktion dar, die sich einer - nur für Teilaspekte möglichen - exakten Definition entzieht, aber kaum zu entbehren ist.


Historismus vor dem Historismus

In der Stilgeschichte werden des öfteren absichtsvolle Rückgriffe auf frühere Stilformen auch vor dem 19. Jahrhundert als Historismus bezeichnet. Ein Beispiel dafür ist die frühneuzeitliche Nachgotik, die gotische Formen noch verwendete, als diese längst von den herrschenden Renaissance- und Barockformen abgelöst waren. Zutreffender spricht man von retrospektiven Tendenzen.

Weblinks

Historismus in der Wissenschaft

Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Geschichtswissenschaft eine bestimmte Zeit 18. und 19.Jahrhundert bzw. eine bestimmte methodisch-philosophische Einstellung zur Geschichte und kann durchaus verschiedener Deutung unterliegen. Damit ist die Sicht des objektiven und z.T. relativistischen Geschichtswissenschaftlers auf die Geschichte (Kollektivsingular) gemeint. Bedeutender Vertreter war u.a. Leopold Ranke.

Links: http://www.historismus.net/

Literatur: G. G. Iggers, Deutsche Geschichtswissenschaft




     
Das Web Lexikon "Ein Blick zurück" bietet die Moeglichkeit auf einfache Art und Weise in den "alten" Wikipedia-Beiträgen zu blättern. Das Lexikon spiegelt den Stand der freien Wikipedia-Enzyklopädie vom August 2004 wider. Sie finden hier in rund 120.000 Artikel aus dieser Zeit Informationen, Erklärungen, Definitionen, Empfehlungen, Beschreibungen, Auskünfte und Bilder. Ebenso kommen Begriffserklärung, Zusammenfassung, Theorie, Information, Beschreibung, Erklärung, Definition und Geschichte nicht zu kurz. Ein Lexikon das Auskunft, Bericht, Hinweis, Bedeutung, Bild, Aufklärung, Darstellung und Schilderung zu unterschiedlichsten Themen kompakt auf einer Seite bietet.
Impressum ^ nach oben ^