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Geschichtsbild



Unter einem Geschichtsbild versteht man die Summe der geschichtlichen Vorstellungen eines Menschen oder einer Gruppe. Je weniger Wissen, desto mehr Phantasie bestimmt das jeweilige Geschichtsbild. Es ist Teil des umfassenderen Weltbildes eines Menschen oder der Gruppe.

Hier einige Geschichtsbilder, die einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum standhalten. Vielmehr füllen sie nur behelfsmäßig die Lücke in Bildung und Forschung, die sachverständig zu schließen der Universalgeschichte vorbehalten ist.

1. Teleologisches Geschichtsbild=== Hierunter versteht man die Vorstellung, dass die Geschichte einem bestimmten Endzweck zustrebt. Häufig handelt es sich um religiöse Vorstellungen, etwa die, dass die Geschichte mit einem "Jüngsten Gericht" ende. Auch die "Klassenlose Gesellschaft" als Endzweck gesellschaftlicher Entwicklungen definiert ein teleologisches Geschichtsbild.

2. Zyklisches Geschichtsbild=== Diese besonders in Asien verbreitete Vorstellung geht davon aus, dass sich alles wiederholt. Zwar gibt es eine eindeutige Bewegungsrichtung - vorgestellt als Bewegung auf einem Kreis -, aber die Bewegung, die nie endet, kommt nach einiger Zeit wieder da an, wo sie herkam. Häufig werden dabei bestimmte auffallende Ereignisse als Kennzeichnung des Beginns eines neuen Zyklus gesehen, etwa die Erleuchtung eines neuen Buddha. Auch in Europa gab es zyklische Geschichtsvorstellungen, etwa bei Oswald Spengler.

3. "Nichts Neues unter der Sonne"=== Dass sich "sub spezie aeternitatis" nichts ändere und lediglich die Akzidentien unterscheidbar seien, war eine weitere Vorstellung von Geschichte. Ganz besonders wurde sie bei Niccolo Machiavelli deutlich. Diesem Standpunkt der Konstanz der wesentlichen Elemente der Politik folgt die Möglichkeit des Lernens aus Geschichte. Machiavelli abstrahierte von den Einzelereignissen und stellte Gesetzmäßigkeiten auf, die zeitlos gültig sein sollten.

4. Kulturoptimismus=== Unter diesem Begriff versteht man die Vorstellung, dass sich die Welt stets zum Besseren wendet. Er ist manchmal, aber nicht immer, mit einer teleologischen Vorstellung verbunden. Die Vergangenheit erscheint so als das überwundene Schlechte. Häufig waren es so genannte "fortschrittliche" politische Theorien, die die Vorstellung einer stetigen Verbesserung der Welt vertraten. Ein Lernen aus der Geschichte wäre hier sehr schwierig; allenfalls eine Extrapolation der gegenwärtigen Bewegungsrichtung wäre als Lern- und Prognosemöglichkeit denkbar.

5. Kulturpessimismus=== Das Gegenteil ist die Vorstellung, dass sich die Welt ständig zum Schlechteren hin entwickelt. Die Vorstellung wird durch die christliche Vorstellung der Vertreibung aus dem Paradies unterstützt. Mit einem kulturpessimistischen Geschichtsbild wird die Vergangenheit geradezu verklärt. Ein bekannter deutschsprachiger Vertreter des Kulturpessimismus war Ludwig Klages.

6. Schicksal=== Häufig wird unterstellt, dass der Ablauf der Geschichte vorbestimmt sei und vom Einzelnen gar nicht wesentlich beeinflusst werden könne. Viele, aber nicht alle kulturoptimistischen Theorien gehen davon aus. In dieser Vorstellung kann man mit der Entwicklungsrichtung mitgehen ("fortschrittlich") oder als Bremser ("konservativ" oder "reaktionär") dazu verurteilt sein, dass die Geschichte über einen hinweg geht. Auch der historische Materialismus, der von "ehernen Gesetzen" ausgeht, erlaubt einen Blick in die Zukunft durch Kenntnis eben dieser Gesetze. Anhänger der Vorbestimmtheit - welcher Art auch immer - kennen daher Einzelpersönlichkeiten oder Institutionen, die durch intensives Studium in der Lage sind, den Verlauf der Geschichte mehr oder weniger klar zu erkennen.

7. Vorsehung und Gott=== Die Vorbestimmtheit wird oft verstärkt oder modifiziert, indem Gott mit ins Spiel gebracht wird: Heilsgeschichte. Dies kann sowohl die Vorstellung eines handelnden (allmächtigen) Gottes sein, der in das Geschehen eingreift, oder auch die Vorstellung des allwissenden, der die Entwicklungsrichtung kennt und sie daher "vorhersieht". In der Antike hielt man es für möglich, dass auch bestimmte Menschen (Auguren) die Zukunft vorhersehen könnten. Das Orakel von Delphi war im Alten Hellas die bekannteste Institution dieser Art, in der die Pythia weissagte. Heute genießt der Rat von Weissagern im Allgemeinen keinen guten Ruf. Aber es gibt immer noch Leute, die sich gern ihre Zukunft vorhersagen lassen.

8. Freier Wille=">

Im Gegensatz dazu gibt es Vorstellungen, die Geschichte grundsätzlich als menschengemacht ansehen. Hier werden Einzelpersönlichkeiten herausgegriffen, die Geschichte "gestalten". Der "starke Mann" und die zahlreichen historischen Persönlichkeiten mit dem Beinamen "der Große" sind Beispiele für die Annahme, dass ein starker Wille die Menschen auf ein Ziel hin ausrichten und damit die Welt (oder zumindest ein Land) gestalten kann. Eine Prognosemöglichkeit ergibt sich bei strenger Annahme des freien Willens nicht. Auch ein Lernen aus Geschichte ist kaum möglich.

Wirkungen des Geschichtsbildes== Je nach dem, welches Geschichtsbild zugrunde gelegt wird, wird Geschichte sehr unterschiedlich dargestellt. Wer vom freien Willen ausgeht, wird Geschichte vor allem als Handlungsfolgen starker Einzelpersönlichkeiten darstellen. Wer hingegen mehr von Gesetzmäßigkeiten ausgeht und damit die handelnden Personen im Extremfall als Protokollanten der geschichtlichen "Entwicklung" betrachtet, der wird den Personen einen geringeren Stellenwert beimessen.

Einige Beispiele sollen dies zeigen:

Napoleon Bonaparte wird etwa als ein Mensch gesehen, der durch seine Ausstrahlung die Menschen in seine Gewalt zwang. Verwiesen wird zum Beispiel auf seine Rückkehr aus der Verbannung, als er durch seine Ansprache die Truppen, die ihn aufhalten sollten, für sich gewann ("Ich bin´s, Euer Kaiser!"). Eine Variante dieser Vorstellung ist von Georg Wilhelm Friedrich Hegel überliefert, der beim Anblick Napoleons ausrief: "Der Weltgeist zu Pferde". Hegel glaubte, dass Napoleon nur ausführendes Organ des "Weltgeistes" sei, der sich in Napoleon verwirkliche.

Ein anderes Beispiel ist Adolf Hitler. Er wird in den üblichen heutigen Geschichtsdarstellungen als eine Persönlichkeit angesehen, die aufgrund eigenen Willens den Zweiten Weltkrieg entfesselte. Andere Darstellungen, die den Zweiten Weltkrieg als Ergebnis von Konstellationen ansahen, die sich wesentlich aus nicht gelösten Fragen des Ersten Weltkriegs ergaben, gelten heute als politisch nicht korrekt, waren aber in den fünfziger Jahren weit verbreitet.

Im Westen herrscht heute eine durch den Liberalismus geprägte Sichtweise vor. Sie geht von einem freien Willen aus, was eine sehr persönlichkeitsorientierte Geschichtsdarstellung zur Folge hat. Diese Vorstellung ist erst seit kurzer Zeit so dominant. Zur Zeit des Kalten Krieges konkurrierte sie mit dem marxistischen Geschichtsbild, das von gesellschaftlichen Strukturen ausging und daher den Zweiten Weltkrieg auch nicht dem Wirken einer Einzelperson, sondern einer geschichtsnotwendigen Phase, dem Faschismus als Höhepunkt des Kapitalismus, zuschrieb. Hitler hat in diesem Geschichtsbild eine eher symbolische Bedeutung; er wird als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse gesehen, aber nicht als der Mann, der seiner Zeit den Stempel aufdrückte.

Derzeit gewinnt der Islamismus an Kraft. Er geht von einer viel stärker schicksalsgebundenen Geschichte aus als der liberalistisch geprägte Westen. Das erste Drittel des 20. Jahrhunderts hingegen war in Deutschland von der Vorstellung geprägt, dass sich Kulturen wie Organismen entwickeln und daher entstehen und vergehen. Eines der bedeutendsten Werke dieses Geschichstbildes war "Der Untergang des Abendlandes" Oswald Spenglers. Wiederum anders war das Geschichstbild des Nationalsozialismus, eine braune Mischung aus solchen spenglerisch-organisch-preußischen und sozialdarwinistisch-rassistischen Vorstellungen, wonach das Recht des Stärkeren, das der so genannten "Herrenrasse", galt.




     
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