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Geschichte Chiles



Table of contents
1 Geschichte bis 1520
2 Geschichte 1520-1945
3 Die Zeit der Christdemokraten
4 Die Präsidentschaft Salvador Allendes 1970-1973
5 Die Ära Pinochet 1973-1990
6 Chile seit 1990
7 Weblinks

Geschichte bis 1520

Etwa um 30.000 v.Chr. kamen die ersten Menschen über die Beringstraße nach Amerika. Von dort zog sich die Besiedlung südwärts, bis 10.000 v.Chr. wurde schließlich Feuerland an der Südspitze Südamerikas erreicht. Die ersten Siedler auf dem Gebiet des heutigen Chile waren wandernde Mapuche-Indianer, die um 13.000 v.Chr. in den fruchtbaren Andentälern und in den Oasen im Hochland der Atacama-Wüste siedelten. Die Inkas konnten kurzzeitig ihr Reich bis in die Gegend des heutigen Santiago de Chile ausdehnen. Die klimatischen Verhältnisse, besonders die extreme Trockenheit der ausgedehnten Atacama-Wüste verhinderten eine dichtere Besiedlung.

Zahlreiche weitere Ethnien lebten vor der Ankunft der Spanier auf dem heutigen Gebiet von Chile: Changos, Atacameños und Aimaras bevölkerten den Norden Chiles im Gebiet zwischen den Flüssen Lanca und Copiapó. Weiter südlich bis zum Fluss Aconca-gua lebten die Diaguitas. Diese vier Ethnien waren Fischer, Bauern, Jäger und Handwerker, die untereinander Handel trieben. Sie lebten in Stammes und Familienverbänden. Diese Stämme wurden fast alle von den Inkas beherrscht, wobei strittig ist, ob die Inkas nur bis zum heutigen Santiago oder noch weiter in den Süden vordrangen. In süd-östlicher Richtung des Reloncaví-Fjords wurde die Kordillere von den Chiquillanes und Poyas bewohnt, welche Jäger und Sammler waren. Im äußersten Süden des Landes bis zur Magellanstraße lebten die Chonos und die Alakaluf, auf Feuerland die Alakaluf, Yámana, Selk'nam und Haush.

Geschichte 1520-1945

Spanische Besiedlung

Der erste Europäer, der chilenischen Boden betrat, war Ferdinand Magellan im Jahr 1520 in der Gegend des heutigen Punta Arenas, nach ihm wurde die Magellanstraße benannt. Diese Region hieß bei den Indianern Tchili, eine Bezeichnung für Schnee. Dadurch entstand der Name Chile.

1533 eroberten spanische Truppen unter Francisco Pizarro im Handstreich das Inka-Reich. Erst sieben Jahre später, also 1540, machte sich Pedro de Valdivia, ein Offizier unter Pizarro, auf den Weg von Peru nach Chile, begleitet von etwa hundert Soldaten und Abenteurern. Dort errichtete er trotz Widerstand der Araukaner-Indianer die ersten europäischen Siedlungen. Im Zuge dieser Landnahme wurden Santiago (am 12. Februar 1541 unter dem Namen Santiago de la Nueva Extremadura), La Serena und Valparaíso als kleine befestigte Siedlungen gegründet. Die Indianer wehrten sich schnell: Schon im September 1541 griffen sie Santiago an.

Die Spanier erweiterten ihr Herrschaftsgebiet nach Süden, gründeten 1550 Concepción und 1552 Valdivia. Die Araukaner leisteten den heftigsten Widerstand. Im Herbst 1553 schlugen die Araukaner die spanischen Truppen bei Fort Tucapel und töteten Pedro de Valdivia, angeblich nahmen sie ihn gefangen und zwangen ihn, flüssiges Gold zu trinken. Die Indianer zerstörten die meisten der von Siedlern gegründeten Städte.

Es gab eine lange kriegerische Epoche zwischen den Besatzern und den Indianern. Die Kämpfe flammten bis ins späte 19. Jahrhundert wieder auf. Bis heute leisten die Indianer gegen die Landnahme der Europäer Widerstand, so haben im Jahre 2000 die Mapuche (früher als Araukaner bekannt) aus Protest gegen die Landverteilung in Chile das Büro der Europäischen Union in Santiago de Chile besetzt.

Die Unabhängigkeit

Während der spanischen Kolonialzeit war Chile Bestandteil des 1543 gegründeten spanischen Vizekönigreiches Peru, aber eine der ärmsten Provinzen der Spanier in Amerika. Da in Chile weder Gold- noch Silbervorkommen zu finden waren, blieb das Land weitgehend unbeachtet und entwickelte sich vergleichsweise langsam.

Landwirtschaft bildete den wichtigsten Wirtschaftszweig. Die fruchtbaren Täler von Zentral-Chile versorgten die Bevölkerung im nördlichen Peru mit Nahrungsmitteln. Die Bevölkerung in Chile lebte vorwiegend vom Handel mit Landwirtschaftserzeugnissen, die europäischen Eroberer lebten in den Städten, während die besiegten Indianer in eine Art erblicher Leibeigenschaft gezwungen wurden.

1778 änderten die Spanier den Status der chilenischen Provinzen: Chile wurde zum eigenständigen Generalkapitanat innerhalb des spanischen Königreiches. Die Kolonialmacht Spanien unterlag in Europa 1808 dem Ansturm von Napoléon Bonaparte, der seinen Bruder Joseph auf den spanischen Thron hob. Dagegen erhob sich in Chile am 18. September (dem heutigen Nationalfeiertag Chiles) eine königstreue spanische Junta als Widerstandsgruppe, die auch ein eigenes Heer aufstellte. 1812 erarbeitete eine Gruppe von Chilenen unter der Führung der Brüder Carrera eine Verfassung, die unter der formellen Herrschaft des spanischen Königs die weitgehende Selbstständigkeit Chiles vorsah.

Spanische Truppen gingen daraufhin bei Valdivia an Land und zogen gegen die Chilenen zu Felde. Die chilenische Befreiungsarmee unter José Miguel Carrera und Bernardo O'Higgins wurde am 1. Oktober 1814 in Rancagua von den spanischen Truppen aufgerieben, die Heerführer der Chilenen flohen nach Argentinien. Mit Unterstützung des Argentiniers José de San Martín stellten sie ein gemeinsames Heer gegen die Spanier auf. Sie überquerten die Anden, besiegten die weit größere spanische Armee am 12. Februar 1817 in der Schlacht bei Chacabuco.

Chile proklamierte am 12. Februar 1818 seine Unabhängigkeit, kurz später errangen die Chilenen bei Maipú einen weiteren wichtigen Sieg.

1820 eroberte die chilenische Flotte unter Thomas Cochrane die Stadt Valdivia zurück, aber erst 1826 waren die letzten Spanier, die sich auf die Insel Chiloé zurückgezogen hatten, endgültig besiegt.

O'Higgins wurde zum ersten Präsidenten Chiles. Er versuchte sich an Sozialreformen, scheiterte aber am Widerstand der Großgrundbesitzer und musste 1823 zurücktreten. Er starb im Exil in Peru. Im folgenden Kampf zwischen Liberalen und Konservativen setzte sich der reformfeindliche Großgrundbesitz durch: 1833 wurde eine autoritär geprägte Präsidialverfassung verabschiedet, die dem Führer der Konservativen, Diego Portales auf den Leib geschneidert war.

Der wirtschaftliche Aufschwung im 19. Jahrhundert

In der Folge behielten die konservativen Grundbesitzer ihre dominierende Rolle im Staat. Durch die Stabilität des Landes florierte die Wirtschaft: Die Landwirtschaft wurde ausgebaut. Es wurden Eisenbahnen gebaut, und man begann, das in Chile vorhandene Kupfer und Salpeter abzubauen. Das Schulsystem wurde eingeführt und das Kulturleben erfuhr eine Blüte. Im Zuge des Aufschwungs der Wirtschaft gewannen die Liberalen wieder stärker an Einfluss.

Der Salpeterkrieg

Siehe: Salpeterkrieg

Der Salpeterkrieg (spanisch: Guerra del Pacifico), den Chile von 1878 bis 1883 gegen Bolivien und Peru führte, endete für Chile mit erheblichen Landgewinnen im Norden.

Die Zeit bis 1914

1881 wurde im Süden Chiles der letzte große Aufstand der Mapuche niedergeschlagen. Das Indianerland wurde an Siedler vergeben. In der Region südlich von Temuco gründeten Einwanderer - viele von ihnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz - zahlreiche neue Städte auf ehemaligem Indianergebiet.

Mit der industriellen Ausbeutung der Bodenschätze entstand auch in Chile einer Schicht von Arbeitern. Sie begannen sich zu organisieren und für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. 1907 schlug das Militär einen Streik in Iquique mit großer Härte gegen die Streikenden und ihre Familien nieder. Im Jahr 1912 wurde die Sozialistische Arbeiterpartei gegründet, und die kommunistische Bewegung fand unter den Arbeitern beachtlichen Zulauf.

Zwischen den Weltkriegen

Chile blieb im Ersten Weltkrieg neutral, die innenpolitische Lage war aber weiterhin instabil. Präsident Arturo Alessandri Palma, der in Chile ein System der Sozialversicherung eingeführt hatte, wurde 1924 durch einen Militärputsch entmachtet. Bis 1932 regierte Carlos Ibáñez del Campo das Land mit diktatorischen Mitteln. 1932 wurde die verfassungsmäßige Ordnung wiederhergestellt, und die Radikalen erwiesen sich in den folgenden zwanzig Jahren als führende Partei. Sie verstärkten den staatlichen Einfluss auf das Wirtschaftsleben.

Nachdem Chile lange Zeit - auch aus Rücksicht auf die zahlreichen deutschstämmigen Chilenen - im Zweiten Weltkrieg neutral geblieben war, beschloss 1944 der Präsident Juan Antonio Ríos Morales, Mitglied der radikalen Partei, als Verbündeter der USA in den Krieg einzutreten, aber der Einfluss Chiles auf den Kriegsausgang blieb bescheiden. 1945 gehörte das Land zu den Gründungsmitgliedern der Vereinten Nationen.

Die Zeit der Christdemokraten

Erste Nachkriegszeit

Inzwischen hatten Unternehmen aus den USA die Rolle der Briten übernommen; sie besaßen den Großteil der chilenischen Kupferminen. Das Frauenwahlrecht wurde 1949 in Chile eingeführt, änderte aber wenig am politischen Kräfteverhältnis.

Großer Gegenspieler der Konservativen, die mit ihrem Kandidaten Jorge Alessandri 1958 zum letzten Mal die Präsidentschaftswahl gewannen, wurden die Christdemokraten, die zwar strikt antikommunistisch, nach europäischen Maßstäben aber in Fragen der Sozialpolitik gemäßigt links eingestellt waren. Unter der konservativen Präsidentschaft der fünfziger Jahre wurde die kommunistische Partei verboten, und einige ihrer Führer und Unterstützer, darunter der Dichter Pablo Neruda, mussten ins Exil gehen.

Mit der Machtübernahme Fidel Castros in Kuba im Jahr 1959 geriet Lateinamerika stärker ins Blickfeld der USA. Im kalten Krieg versuchten die Vereinigten Staaten, weitere kommunistische Regimes in Amerika zu verhindern und begannen über politische Einflussnahme und ihre Geheimdienste zusehends, auch in Chile aktiv zu werden.

Die Präsidentschaft von Eduardo Freis 1964-1970

1964 gewann Eduardo Frei Montalva als Kandidat der Christdemokratischen Partei die Wahl zum Präsidenten, auch mit Wahlhilfe aus den USA. Er versuchte unter dem Motto "Revolution in Freiheit", Sozialreformen mit der Beibehaltung der demokratischen Ordnung zu verbinden und den Spagat zwischen den radikalen Forderungen der Linken und der rigorosen Abwehr von Reformen durch die Rechten zu schaffen. Eine Landreform verteilte über drei Millionen Hektar Großgrundbesitz an Bauerngenossenschaften. Frei scheiterte letztlich mit seinem Vorhaben, seine wichtigsten Reformen, darunter die teilweise Verstaatlichung der Kupferindustrie, gingen den Linken nicht weit genug, während die Konservativen schon den ersten Schritt zum Kommunismus vollzogen sahen.

Die Unidad Popular

Die Kräfte der Linken bildeten 1969 die Unidad Popular (UP), ein Wahlbündnis, dem neben der Kommunistischen und der Sozialistischen Partei noch viele andere kleine marxistische Parteien angehörten. Die UP vertrat eine sozialistische Linie, warb für die Verstaatlichung der Industrie und die Enteignung der Großgrundbesitzer.

Dieses Bündnis stellte 1970 als Präsidentschaftskandidaten Salvador Allende auf, der schon 1964 kandidiert hatte.

Allende erhielt bei den Wahlen vom 4. September 1970 36,6% der Stimmen. Sein konservativer Gegner, Jorge Alessandri, kam auf 35,3%, und der Christdemokrat Radomiro Tomic erzielte 28,1%. Absolut belief sich Allendes Vorsprung auf lediglich 36.000 Stimmen. Das Parlament ernannte ihn schließlich mit den Stimmen der Christdemokraten, denen er im Gegenzug die Erhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung versprach, zum Präsidenten. Auch wenn die UP zu keiner Zeit im Kongress über eine eigene Mehrheit verfügte, wurde mit Allende zum weltweit ersten Mal ein marxistischer Regierungschef demokratisch legitimiert.

Der Wahlsieg Allendes traf in den USA auf heftigen Widerstand: Mit dem Sieg der Marxisten in Chile war nach Kuba der zweite amerikanische Staat sozialistisch regiert, was nach der Domino-Theorie für den Westen untragbar war. Der Vietnamkrieg war voll im Gange, und einige Staaten Afrikas hatten sich schon der Sowjetunion zugewandt. Für die US-Amerikaner bedeutete Allendes Wahlsieg nicht nur einen schweren Imageschaden im Wettstreit der Ideologien, sondern auch einen finanziellen Verlust für US-Unternehmen, weil die Kupferminen mehrheitlich (etwa 80%) im Besitz von US-Unternehmen waren und bei einer linken Machtübernahme die Verstaatlichung drohte.

Die Präsidentschaft Salvador Allendes 1970-1973

Salvador Allende (geboren 1908) studierte Medizin und war Mitbegründer der Sozialistischen Partei Chiles (1933). Er kam 1937 in den Kongress und war von 1939 bis 1942 während einer liberalen Regierung Gesundheitsminister. 1945 wurde Allende in den Senat gewählt, dem er 25 Jahre lang angehörte.

Wirtschaftliche Lage

Als Allende seinen christdemokratischen Vorgänger Frei ablöste, befand sich Chile bereits in einer prekären Situation: von 10 Millionen Einwohnern galten 1,5 Millionen Kinder als unterernährt, 500.000 Familien waren obdachlos, und die Arbeitslosigkeit lag bei 8,8 Prozent. Der Landbesitz konzentrierte sich bei einer kleinen Oberschicht: 80 Prozent des Nutzlandes befanden sich in der Hand von 4,2% der Grundeigentümer.

Der Schwerpunkt von Allendes Wirtschaftspolitik war die entschädigungslose Verstaatlichung der Bodenschätze, die Enteignung von ausländischen Großunternehmen, der Banken und eine Agrarreform, bei der 20.000 km² Fläche von Großgrundbesitzern an Bauern übergeben werden sollten. Die sozialistische Regierung wollte Chile weniger abhängig vom Rest der Welt, insbesondere von den USA, machen. Innenpolitisch strebte sie im Sinne des Marxismus eine Entmachtung der "Bourgeoisie" an.

Allendes Politik

Die Politik der Unidad Popular brachte zunächst starke Verbesserungen für die Arbeiter und die eigenen Gefolgsleute. Die Löhne wurden um 35 bis 60 Prozent erhöht.

Die Preise für die Miete und für wichtige Grundbedarfsmittel wurden eingefroren. Schulbildung und Gesundheitsversorgung wurden kostenfrei angeboten. Allende ließ Gefangene der "revolutionären Linken" frei. Jedes Kind bekam täglich einen Liter Gratismilch und Schuhe. Die Kindersterblichkeitsrate sank so um 20%, aber dem Land fehlten die ökonomischen Mittel, um all die sozialen Wohltaten zu finanzieren.

1971 ließ die Regierung - mit Zustimmung aller Parlamentsparteien - die Kupferminen verstaatlichen, die Eigentümer - vorwiegend Unternehmen aus den USA - blieben ohne Entschädigung.

Reaktion des Auslands

Die USA strichen daraufhin sämtliche Hilfsmittel für Chile. Alle diese Faktoren sorgten dafür, dass Chile 1971 eine Zahlungsbilanz von minus 26 Milliarden US-Dollar aufwies. Ma n deckte die Schulden, indem man Geld druckte. Dadurch verfünffachte sich der Geldumlauf, und die Inflationsrate überstieg die 300%-Marke. Gleichzeitig fehlten Devisen für den Import von Rohstoffen, Maschinen und Ersatzteilen, und die Kupferproduktion verlief nicht nach Wunsch, verschärft durch einen Kupferboykott, den die USA und 14 Gläubigerstaaten aus Protest gegen die Enteignung ausländischer Investoren verhängt hatten.

1972 spitzte sich die Lage weiter zu. Zu den hausgemachten Problemen aufgrund der desolaten Haushaltspolitik kam hinzu, dass die Regierung Allende aus westlicher Sicht nicht mehr kreditwürdig war, eine Haltung, die von der Regierung von US-Präsident Richard Nixon vehement unterstützt wurde. Nixon wollte die Kommunisten in Chile "ausquetschen", wie er es nannte. Aus Angst vor Enteignung setzte eine Kapitalflucht ins Ausland ein. Die Privatinvestitionen wurden aus Angst vor der Verstaatlichung zurückgeschraubt. Auf die Sowjetunion konnte Chile nur ideologisch zählen, Devisenhilfe konnte Allende aus Moskau nicht erwarten.

Proteste und Streiks

Die Proteste im Land schwollen an: Bauern protestierten gegen die Durchführung der Landverteilung, die Kollektive gegenüber Vertragsfarmern bevorzugte, sie besetzten Bauernland, und so kam es zu Nahrungsmittelengpässen. 1972 mussten Lebensmittel rationiert werden, und die Regierung war gezwungen, Devisen für die Einfuhr von Nahrungsmitteln aufzuwenden. Im Herbst 1972 streikten etliche Berufsgruppen, darunter Lastwagenfahrer, Bankangestellte, Arbeiter und Studenten, um eine Wende in der Wirtschaftspolitik zu erzwingen. Es kam zu Straßenschlachten.

Allende rief den Notstand aus. Radikale rechte Gruppen antworteten sogar mit Terror und Sabotage. Es gab in Allendes Amtszeit insgesamt sechshundert Terroranschläge auf Eisenbahnen, Brücken, Hochspannungsleitungen und Pipelines.

Das Militär

US-Präsident Nixon erteilte der CIA den Auftrag, das chilenische Militär zu einem gewaltsamem Putsch zu bewegen. Allende dagegen versuchte, die Militärs in die Regierung einzubeziehen: Er ernannte den General Carlos Prats zum Innenminister und berief weitere hochrangige Offiziere in sein Kabinett. Die Mittel für die Streitkräfte flossen auch unter der Regierung Allendes weiter großzügig.

Die Kongresswahlen vom März 1973 brachten keine Klarheit: die Unidad Popular gewann zwar leicht an Stimmen, blieb aber weit entfernt von der absoluten Mehrheit. Die konservativen Kräfte wiederum verfehlten die Zweidrittelmehrheit, die sie gebraucht hätten, um Allende des Amtes zu entheben. Durch Politik und Gesellschaft in Chile ging ein tiefer Graben.

Im Juni 1973 wurde ein erster Putschversuch eines Panzerregiments von regierungstreuen Militärs niedergeschlagen. Im Juli streikten erneut die Lastwagenfahrer und die Studenten mit Unterstützung weiter Kreise der konservativen Opposition. General Prats trat zurück, da er die Unterstützung der Armee verloren hatte. Am 22. August 1973 sprach der Kongress mit großer Mehrheit Allende das Misstrauen aus und forderte den Präsidenten zum Rücktritt auf, aber diese Aufforderung musste rechtlich unverbindlich bleiben, und Allende folgte ihr nicht.

An Stelle des zurückgetretenen Prats ernannte Allende am 25. August 1973 den General Augusto Pinochet zum Oberkommandierenden des Heeres.

Der Putsch vom 11. September 1973

Drei Wochen später, am 11. September 1973 putschte die Armee erneut, und diesmal hatten die Militärs Erfolg. Mit Kampfflugzeugen bombardierten sie den Präsidentenpalast "Moneda" und stürmten ihn am selben Abend. Allende war später nur noch tot auffindbar. Bis heute ist ungeklärt, ob Allende ermordet wurde oder Suizid ausübte. Es gibt keine Beweise, die für oder gegen einen Suizid sprechen. Allendes Leibarzt spricht von einem Selbstmord, ausgeführt mit einem von Fidel Castro geschenkten Maschinengewehr.

Die Ära Pinochet 1973-1990

Augusto Pinochet

Augusto Pinochet wurde am 25. November 1915 in Valparaíso geboren. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und begann seine Ausbildung unmittelbar nach dem Schulabschluss an der Militärakademie Chiles. Im Alter von 21 Jahren war er schon Leutnant und stieg bald weiter auf. 1956 diente er als Militärattaché an der chilenischen Botschaft in Washington. Mehrfach besuchte er in den folgenden Jahren Lehrgänge der US-Armee. Unter Eduardo Frei wurde er Brigadegeneral.

Während des Putschversuchs vom Juni 1973 stand Pinochet noch treu zur Regierung, aber die zunehmend desolate Situation Chiles änderte wohl seine Einstellung. Offenbar konnten ihn die Verschwörer in der Armee erst in letzter Minute von der Notwendigkeit des Umsturzes überzeugen. Umso radikaler fiel der Sinneswandel Pinochets aus: "Ich oder das Chaos" lautete das simple Motto des Generals, dem Präsident Allende bis zuletzt vertraute.

In der Erklärung der Putschisten vom 11. September 1973 heißt es:

" ... erklären die Streitkräfte ... :
General Augusto Pinochet ..."

Terror und Mord

Sämtliche staatlichen Institutionen in ganz Chile waren binnen Stunden vom Militär besetzt. Pinochet setzte die Verfassung sofort außer Kraft, löste den Kongress auf, ordnete eine strenge Zensur an und verbot alle politischen Parteien. Die Armee und die kasernierten Carabineros gingen sofort rücksichtslos gegen alle vermeintlichen Gegner vor, Terror und Menschenrechtsverletzungen regierten. Im Nationalstadion von Santiago wurden die Opfer interniert, viele von ihnen gefoltert und getötet. Die Schätzungen über die Opferzahlen gehen weit auseinander: zwischen 2.500 und 80.000 Menschen wurden während dieser ersten Wochen der Diktatur umgebracht. Etliche Menschen verschwanden spurlos und auf bis heute ungeklärte Weise. Hunderttausende flohen ins Ausland.

In den dünn besiedelten Wüstengebieten im Norden Chiles und in Patagonien errichtete das Militär Konzentrationslager, wo Oppositionelle und deren Sympathisanten nicht selten zu Tode gefoltert und unter anderem mit Flugzeugen hinaus aufs Meer geflogen und dort hinausgeworfen wurden. Es kam unter einigen Offizieren zu makabren Wettstreiten um die größten Grausamkeiten.

Der chilenische Geheimdienst CNI verfolgte die Gegner des Regimes auch im Ausland. 1974 starb Pinochets Vorgänger als Heereschef, General Prats, durch eine Autobombe in Buenos Aires, 1975 entging ein christdemokratischer Politiker nur knapp einem Attentat in Rom, und 1976 tötete eine weitere Autobombe den Außenminister der Regierung Allende, Olrando Letelier, in Washington. Diese Anschläge werden allgemein der CNI im Zusammenspiel mit dem amerikanischen Geheimdienst CIA zugeschrieben.

Pinochets Wirtschaftspolitik

Das öffentliche Leben und die Wirtschaft kehrten nach dem Staatsstreich rasch zu geordneten Bahnen zurück, die ökonomische Lage stabilisierte sich nach dem Putsch. Wenige Tage nach dem Staatsstreich war in der Frankfurter Allgemeine Zeitung zu lesen: "Chile: jetzt investieren!". Schon kurz nach der Machtübernahme Pinochets begannen auch die USA wieder, Chile intensiv mit Wirtschaftshilfe zu unterstützen. Jetzt waren auch die internationalen Organisationen wieder bereit, Chile Kredite zu gewähren.

Pinochet holte sich Wirtschaftsberater aus den USA, die eine marktliberale Linie des Monetarismus vertraten; viele von ihnen kamen aus dem Umfeld von Milton Friedman von der University of Chicago und wurden deshalb spöttisch "Chicago Boys" genannt. Die Regierung setzte ein umfassendes Liberalisierungs- und Privatisierungsprogramm durch: Bis 1979 wurden 20% der Staatsbediensteten entlassen, und der Staatshaushalt um die Hälfte zusammengestrichen. Davon profitierten die Investoren, weil die Zölle und Steuern stark sanken. Die Wirtschaftspolitik setzte auf Privatinitiativen und entzog weite Teile des Gesundheitswesens und der Bildung der staatlichen Verantwortung. Die Verstaatlichung der Kupferindustrie hielt Pinochet allerdings aufrecht. Aus den Einnahmen der Kupfergesellschaften wird bis heute das chilenische Militärbudget finanziert.

Mit dieser rigorosen Wirtschaftspolitik klafften die Unterschiede zwischen Arm und Reich in Chile wieder deutlicher auseinander, aber die Volkswirtschaft insgesamt profitierte von hohen Wachstumsraten und einer für südamerikanische Verhältnisse außergewöhnlichen Stabilität.

Die Verfassung von 1980

1978 hielt Pinochet ein Referendum ab, das ihn im Amt bestätigen sollte. Er erhielt etwa 75% Zustimmung, die Abstimmung fand allerdings unter großem Druck statt, so dass man nicht von einer freien Wahl sprechen kann. Pinochet lockerte in der Folgezeit die Diktatur: Zivilisten erhielten Zutritt in das Kabinett, und 1980 wurde — unter der Federführung des konservativen Ex-Präsidenten Jorge Alessandri — eine neue Verfassung geschrieben und per Volksabstimmung abgesegnet, die aber wieder unter großem Druck der Staatsmacht abgehalten wurde. 60% der Chilenen nahmen die Verfassung an. Die neue Verfassung legitimierte Pinochets umfassende Machtbefugnisse und stand ihm eine weitere Amtszeit als Präsident zu, die bis 1989 gelten sollte.

Die Wirtschaftskrise 1982

Mit der weltweiten Rezession von 1982 und dem Verfall der Kupferpreise geriet Chiles wirtschaftspolitischer Kurs ins Schlingern. Das Land war im Ausland hoch verschuldet. Mit einem harten Sanierungsprogramm, Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst und dem Kürzen von Nahrungsmittelsubventionen steuerte die Regierung dagegen. Ein Drittel der Bevölkerung war unterernährt, Chile hatte rund 25% Arbeitslose, und über 50% lebten unter der Armutsgrenze.

Die harte Wirtschaftspolitik erregte Proteste, 1982 kam es in vielen chilenischen Städten zu "Hungermärschen", immer wieder erhob sich Protest, den die Gewerkschaften organisierten. Es kam zu einer Welle an Bombenanschlägen in den großen Städten, vor allem gegen hochrangige Offiziere. Nachdem 1986 gar ein Mordanschlag, organisiert von einer Schweizerin, an Pinochet verübt wurde, verschärfte die Regierung innenpolitischen Repressionen erneut.

Übergang zur Demokratie

Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der achtziger Jahre beruhigte sich Chile auch politisch wieder, ab 1987 konnten politische Parteien wieder arbeiten. Pinochets verfassungsmäßige Amtszeit näherte sich ihrem Ende. Am 5. Oktober 1988 kam es zur Volksabstimmung, ob Pinochet bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen der einzige Kandidat sein durfte. Zur großen Überraschung internationaler Beobachter entschieden sich 54 Prozent der Wähler mit "Nein".

Pinochet entschied sich für geordneten Rückzug: Am 14. Dezember 1989 fanden Präsidentschaftswahlen in Chile statt, die ersten seit 19 Jahren! Der Kandidat der Rechten, Hernán Büchi unterlag klar seinem Konkurrenten Patricio Aylwin, einem Christdemokraten, der von der Concertación unterstützt wurde, einem breiten Mitte-Links-Bündnis aus Christdemokraten, Liberalen, Sozialdemokraten und Sozialisten.

Augusto Pinochet beugte sich der Entscheidung der Chilenen und trat als Präsident zurück; er behielt aber den Oberbefehl über die chilenischen Streitkräfte und wurde Senator auf Lebenszeit, wie es die Verfassung von 1980, die wesentlich Pinochets Handschrift trägt, für Ex-Präsidenten mit mehr als sechs Jahren Amtsdauer vorsieht.

Pinochets neoliberale Wirtschaftspolitik und die innenpolitische Stabilität nach den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der Allende-Jahre imponierte vielen konservativen Politikern (darunter Franz Josef Strauß und Margaret Thatcher), aber auch einem großen Teil des chilenischen Volkes. Die historische Aufarbeitung der Ära Pinochet hat erst vor wenigen Jahren begonnen, die Meinung der Chilenen ist tief gespalten, die einen sehen in ihm den Schlächter, der Freiheit und Gerechtigkeit massakrieren ließ, die anderen loben ihn als Retter des Vaterlandes vor dem kommunistischen Chaos.

Chile seit 1990

Die Präsidentschaft Aylwins 1990-1994

Der frisch gewählte Präsident Patricio Aylwin (Jahrgang 1918) hatte die Regierung Pinochet 1973 mit anfänglicher Sympathie begleitet, sich dann aber angesichts der Menschenrechtsverletzungen der Opposition angeschlossen. Er sorgte dafür, dass die gemäßigt linke Partido Democrático Cristiano (Christlich-Demokratische Partei), obwohl verboten, zur größten Oppositionspartei Chiles wurde.

Aylwin begann mit bescheidenen Wirtschaftsreformen und bemühte sich, die verfeindeten politischen Lager zu versöhnen, um ein demokratisches Zusammenleben zu ermöglichen. Behutsam begann er mit der Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur: Im November 1993 standen erstmals Offiziere wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht. Die Hintermänner des Mordes an Orlando Letelier wurden zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Viele Exilanten kehrten zurück in ihre Heimat.

Die von Aylwin begonnenen Reformen verhalfen Chile zu erneutem wirtschaftlichen Aufschwung, der Anteil der Chilenen, die in Armut leben, ging unter seiner Präsidentschaft um ein Viertel zurück.

Die Präsidentschaft von Eduardo Frei Ruiz-Tagle 1994-2000

Nach einer Legislaturperiode, im März 1994, übergab er sein Amt an seinen gewählten Nachfolger Eduardo Frei Ruiz-Tagle (geboren 1942), dessen Vater von 1964 bis 1970 Präsident gewesen war und der ebenfalls den Christdemokraten angehört.

1996 wurde ein Modernisierungsprogramm beschlossen und eine Reform der Verfassung und Justiz geplant. Frei wurde im Dezember 1997 wieder gewählt.

Zwei Ereignisse erregten während seiner Amtszeit internationales Aufsehen. 1993 kam der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker nach Santiago, wo seine Tochter lebte, um der Strafverfolgung in Deutschland nach der deutschen Einheit zu entgehen. Er starb im Mai 1994.

Im Mittelpunkt des Weltinteresses stand Chile im September 1998. Ex-Diktator Augusto Pinochet war am 10. März 1998 im Alter von 82 Jahren als Oberbefehlshaber des chilenischen Militärs zurückgetreten. Im September 1998 wurde er in London, wo er sich medizinisch behandeln ließ, verhaftet. Der spanische Untersuchungsrichter Báltazar Garcón veranlasste einen internationalen Haftbefehl, um Pinochet für Verbrechen an spanischen Staatsbürgern in den Tagen nach dem Putsch von 1973 zur Verantwortung zu ziehen. Pinochet wurde in London unter Hausarrest gestellt, seine Ärzte bescheinigten ihm aufgrund seines Alters Verhandlungsunfähigkeit, und nach 17 Monaten durfte er im März 2000 nach Santiago zurückkehren.

Seine Anhänger empfingen ihn jubelnd, während seine Gegner und Menschenrechtsgruppen weiter verlangten, dass ihm der Prozess gemacht würde.

Frei hatte 1998 außerdem noch die Aufgabe, Chiles Fußballfans zur Räson zu bringen. Beim entscheidenden Qualifikationsmatch für die Fußball-WM 1998 gegen den "Erzfeind" Peru bewachten über 60.000 Polizisten die ebenfalls 60.000 Zuschauer.

Die Präsidentschaft Ricardo Lagos' seit 2000

Am 19. Januar 2000 wurde der Sozialist Ricardo Lagos (geboren 1938) neuer chilenischer Präsident. Er bezwang in der Stichwahl vom 16. Januar seinen konservativen Gegner, Joaquín Lavín, nur knapp. Mit Lagos zog nach Allende der zweite sozialistische Präsident in die "Moneda" ein.

Lagos machte die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Senkung der Kriminalität zu Kernanliegen seiner Regierung. Sein Programm sah außerdem die Wiedereinführung der Tarifautonomie und die Einbindung des Armee-Budgets in den staatlichen Haushalt vor.

Ob diese Vorhaben umgesetzt werden können, ist fraglich. Zum einen bestimmen im Senat die Konservativen, zum Teil noch von Pinochet ernannt, zum anderen verfügt das Militär nach wie vor über großen Einfluss. Jede chilenische Regierung ist gezwungen, die Streitkräfte als Machtfaktor in ihre Überlegungen einzubeziehen.

Ausblick

Das lange Erbe der Pinochet-Jahre verhindert radikale Reformen und die rasche Aufarbeitung der Verbrechen der Militärdiktatur, aber zugleich trägt es dazu bei, dass die politische Führung im Einvernehmen mit breiten Teilen der politisch gespaltenen Bevölkerung handelt. Chile hat den bemerkenswerten Wandel von der Diktatur zur Demokratie seit 1989 in kleinen Schritten, aber ohne Gewalt und Bürgerkrieg geschafft. Viele Nachbarn in Südamerika beneiden das Land um seine Stabilität und seinen Wohlstand.

Der jetzige Präsident Lagos hat eine schwere Aufgabe vor sich, da auch Chile zur Zeit von einer Rezession geplagt wird, die den Graben zwischen den Reichen, in der Weltstadt Santiago lebenden Bewohnern, und den armen Kleinbauern der abgelegeneren Gebiete, noch weiter aufreißt. Dem neuen Präsidenten obliegt nicht nur die schwere Aufgabe, das gespaltene Volk wieder mit sich zu versöhnen, sondern auch einen sozialen Ausgleich zwischen den verschiedenen Schichten herzustellen, ohne die Wirtschaftskraft des Landes aufs Spiel zu setzen. All dies wird nur möglich sein, wenn Chile sich seiner Geschichte offen stellt und die Schatten der Vergangenheit mit dem Licht der Wahrheit zum Verschwinden bringt.

Weblinks

Siehe auch




     
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