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Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus



"Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus" ist ein Buch von Max Weber (1864-1920). Es ist die bekannteste Gegenposition zur Marxschen Kapitalismustheorie.

Table of contents
1 Einleitung
2 Die protestantische Ethik
3 Der Geist des Kapitalismus
4 Okzidentaler Rationalismus und protestantische Ethik
5 Literatur

Einleitung

"Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" ist zuerst erschienen im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik, Bd. XX und XXI (1905). Sie beruht zum Teil auf einem Vortrag, den Max Weber bereits im Jahr 1897 hielt (vgl. Bd.2, S. 150). Weber stellt sich die Frage, warum gerade in Westeuropa (und Nordamerika) die Kultur, so wie sie ist, entstanden ist. Sie erscheint ja als naturgegeben. Andererseits fragt er sich, warum so etwas sich nicht in China, Indien, etc. entwickelte, bzw. warum nicht seit langem in Westeuropa.

Dies führt er auf einen "spezifisch gearteten Rationalismus der okzidentalen Kultur" (Bd1, S.20) zurück. Die besondere Eigenart des okzidentalen und, innerhalb dieses, des modernen okzidentalen, Rationalismus zu erkennen und ihre Erstehung zu erklären, ist sein Interesse. Für den Aufsatz den wir besprechen, war ihm ein wichtiger Einzelpunkt von Interesse: "der Bedingung der Entstehung einer Wirtschaftsgesinnung: des Ethos einer Wirtschaftsform, durch bestimmte religiöse Glaubensinhalte, und zwar an dem Beispiel der Zusammenhänge des modernen Wirtschaftsethos mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus." (Bd1, S.21)

Ferner behauptet er, das der Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums vorwiegend protestantisch ist, das Protestanten eine eher technische, Katholiken eher eine humanistische Schulbildung haben, usw. Allgemein gesagt, stellt Weber eine auffallend "geringere Beteiligung der Katholiken am modernen Erwerbsleben in Deutschland fest." (Bd1, S.32)

Es soll keine umfassende Kulturanalyse, sondern die Entwicklung des "Menschentums", welches durch das Zusammentreffen religiöser und ökonomischer Bedingungen geschaffen wurde, dargestellt werden.

Zur gleichen Zeit beschäftigen sich, unter anderem, zwei andere Wissenschaftler mit angrenzenden Thematiken. Ernst Troeltsch schrieb mehr über die Geschichte des Protestantismus. Er bezeichnet seine "Aufgabe und Erkenntnisziele in der Darstellung des religiösen Elements des Protestantismus und seiner Stellung zu den kulturgeschichtlichen Umgebungszusammenhängen." (Bd2, S.192) Werner Sombart versucht in seinem Buch zu schildern, wie der Geist seiner Zeit geworden ist. Er will die Genesis des repräsentativen Trägers des Geistes schildern. Der Träger ist – nach Sombart – der Bourgeois. Aber nur das Geistige, heute würden wir eher die Psyche sagen, der Menschenart Bourgeois interessiert ihn, nicht seine sozialen Beziehungen. Es wird hier aufgeführt, weil alle drei Autoren sich inhaltlich und in der methodischen Vorgehensweise beeinflussen.

Die Aufgabe die Weber sich für seinen Aufsatz stellte, beschriebt er wie folgt:

"... in meinem Fall durch die Aufdeckung einer – allerdings m.E. einer ganz besonders wichtigen – Ursachenreihe beizutragen, welche die Herausbildung einer (wiederum besonders wichtigen) konstitutiven Komponente des Geistes der modernen kapitalistischen Wirtschaft bedingte: einer Färbung desselben also, welche vom Altertum und Mittelalter in wichtigen Punkten spezifisch verschieden war, ..." (Bd2, S.284f)

Da es sich bei dieser Aufgabenstellung um eine sehr komplexe historische Erscheinung handelt, sucht er "einen ideal-typischen Begriff, ein Gedankengebilde, ... dem sich die faktischen Durchschnittsinhalte des Historischen in sehr verschiedenen Grade annähern." (Bd2, S.304) Weber verfährt so,
"das ich [Weber] zunächst 1. die von niemandem bisher bezweifelte Tatsache der auffällig starken Kongruenz von Protestantismus und modernen Kapitalismus ..., durch Beispiele in Erinnerung rief, sodann 2. illustrativ einige Beispiele vorführte für solche ethische Lebensmaximen (Franklin),..., und die Frage stellte, wodurch sich diese ethischen Lebensmaximen von abweichenden, speziell von den Lebensmaximen des Mittelalters, unterscheiden, und dann 3. die Art, wie solche seelische Attitüden sich zu dem Wirtschaftssystem des modernen Kapitalismus kausal verhalten, wiederum durch Beispiele zu illustrieren suchte, wobei ich 4. auf den Berufs-Gedanken stieß, dabei an die längst ... festgestellte, ganz spezifische Wahlverwandtschaft des Calvinismus ... zum Kapitalismus erinnerte, und gleichzeitig 5. aufzuzeigen suchte, das unser heutiger Begriff des Berufs irgendwie religiös fundiert sei." (Bd2, S.304f)

Die Studie die Weber vorlegt ist nicht abgeschlossen (Bd2, Anmerkung 39, S.186), und es muss wenigstens noch folgendes (u.a.) untersucht werden (vgl.Bd1, S.189 und Bd2, S.322):

Die protestantische Ethik

Die religiösen Vorstellungen von Luther und Calvin

Die protestantische Ethik entwickelt sich nach Weber aus zwei entscheidenden Ideen. Zum einen aus
Luthers Reformation. Daraus entfaltet sich, unter dem Einfluss Calvins, die innerweltliche Askese, die einen konstitutiven Bestandteil des „modernen kapitalistischen Geistes“ bildet.

Die Einschätzung der Berufe wandelt sich bei Luther von der Anschauung, das die Individuen in jedem Stande selig werden können, es also sinnlos ist auf die Art des Berufes wert zu legen, zu der Anschauung, das es eine von Gott gestellte Aufgabe ist. Um Gott wohlzugefallen, ist die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten unter allen Umständen der einzige Weg, und nicht eine Überbietung der innerweltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese.

Diese Wandlung führt Weber u.a. darauf zurück, dass das gestiegene Handelsvolumen zu Luthers Zeit, die Bedeutung der Berufsarbeit fördert. Gleichzeitig entwickelt sich – u.a. hervorgerufen durch die Arbeit an der Bibelübersetzung – bei Luther der Gedanke, das das Leben des Einzelnen vorherbestimmt ist, und das Individuum sich dem Willen Gottes zu fügen hat. Konkret heißt dies,

"... der Einzelne soll grundsätzlich in dem Beruf und Stand bleiben, in den ihn Gott einmal gestellt hat, und sein irdisches Streben in den Schranken dieser seiner gegebenen Lebensstellung halten."\ (Bd1, S.71)

Dabei ist jeder erlaubte Beruf vor Gott gleich viel wert - die geistlichen genauso viel wie die weltlichen Berufe.

Diese Vorstellung ist immer noch sehr traditionalistisch gebunden, und dies führt Weber u.a. auf den Vorsehungsgedanken Luthers zurück. Auch die ökonomischen Vorstellungen waren bei Luther noch traditionalistisch. Luther tritt energisch gegen das Zinsnehmen ein, wie er überhaupt gegen kapitalistischen Erwerb war.

Die Entwicklung des orthodoxen Luthertums zeigte nach Weber nur etwas Negatives:

"Wegfall der Überbietung der innerweltlichen durch asketische Pflichten [Weber meint wohl inner-weltliche Sittlichkeit durch mönchische Askese], verbunden aber mit der Predigt des Gehorsams gegen die Obrigkeit und der Schickung in die gegebene Lebenslage, war hier zunächst der einzige ethische Ertrag." (Bd1, S.72)

Luthers Intentionen – der bloße Gedanke der Berufsarbeit – sind nur von problematischer Tragweite. Weber sucht nach "Ausprägungen des Protestantismus", "bei denen ein Zusammenhang der Lebenspraxis mit dem religiösen Ausgangspunkt leichter als beim Luthertum zu ermitteln ist." (Bd1, S.73) In den verschiedenen Glaubensrichtungen, die sich nach Luther gebildet haben, sieht Weber die entscheidenden geschichtlichen Träger. Neben dem Calvinismus sind dies der Pietismus, der Methodismus, sowie die aus den verschiedenen täuferischen Bewegungen hervorgegangene Sekten.

Weber geht nicht davon aus, dass die Reformatoren ethische Reformprogramme (vgl.Bd1, S.75) als ihr zentrales Anliegen sehen, sondern dass sie nur das Seelenheil als den Angelpunkt ihres Lebens betrachten. Weiterhin sieht Weber nicht den Kapitalismus als Ergebnis der Reformation, sondern es soll nur festgestellt werden "ob und in welchen Punkten bestimmte Wahlverwandtschaften zwischen gewissen Formen des religiösen Glaubens und der Berufsethik erkennbar sind." (Bd1, S.77) Die "Wahlverwandtschaften" sieht Weber beim Calvinismus – auf die anderen Glaubensrichtungen wird hier nicht eingegangen – in der methodischen Lebensführung und der Berufsauffassung. Dieses begründet sich wesentlich in der Prädestination – die Lehre von der Gnadenwahl.

Diese Lehre besagt, dass Gott durch seinen Beschluss einige Menschen bestimmt zu ewigen Leben, und andere zu ewigen Tod. Die Gnade ist bei Luther verlierbar, kann aber durch Buße wieder gewonnen werden, dagegen ist sie bei dem Calvinismus vorherbestimmt.

Wie erfährt nun der Gläubige, ob er erwählt ist oder nicht, da es ja im Calvinismus keine Gnadenwahl gibt? Diese Ungewissheit führt zu einer ständigen Angst der Gläubigen. Aber wie ertragen die Gläubigen diese ständige Angst?

In der seelsorgerischen Praxis kristallisierten sich "zwei miteinander verknüpfte Typen seelsorgerischer Ratschläge hervor" (Bd1, S.128), die u.a. für den Priester bestimmt sind. Zum einen wird es dem Gläubigen zur Pflicht gemacht, sich für erwählt zu halten. Anderenfalls erliegt der Gläubige dem Teufel, der Zweifel sät. Hier sieht Weber die Erziehung zum selbstgewissen "Heiligen", die er noch in seiner Zeit zu erkennen vermag (– gibt es diese "Heiligen" heute noch?). Hier bemerkt Weber auch den Unterschied zu Luther. Ein Lutheraner wäre ein reumütiger Sünder. Zum anderen raten die Seelsorger dem Gläubigen zur Berufsarbeit, als hervorragendes Mittel, um Selbstgewissheit zu erlangen, eigentlich aber um Angst abzubauen.

Auf die Selbstgewissheit muss hier noch etwas näher eingegangen werden. Denn, um Selbstgewissheit zu erlangen, kann einem niemand helfen – kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche, kein Gott. Der Gläubige ist auf sich selbst angewiesen. Er darf sich niemandem anvertrauen, da er dann schon wieder zweifeln würde, und damit dem Teufel verfallen wäre. Es wird vor Menschenhilfe und -freundschaft gewarnt. Selbst zum nächsten Freund wird tiefes Misstrauen verlangt. Auch die Beichte verschwand stillschweigend – das Mittel zum periodischen Abreagieren, des heftig erregten Schuldbewusstseins. Dies liest Weber in Erbauungsschriften der damaligen Zeit. Er folgert daraus, dass die Individuen in tiefer innerer Isolierung, allein mit sich selbst, beschäftigt sind.

Die Wirkung dieser Isolierung, bzw. dieser Angst, führt bei den einen zu jeder nur erdenklichen Selbsterniedrigung, bei anderen zu rastlosen und systematischen Kampf mit dem Leben.

Um Gnadengewissheit zu erlangen, sind gute Werke absolut ungeeignet, aber sie sind unentbehrlich als Zeichen der Erwählung. Anders gesagt, der Gläubige kann die Seligkeit nicht kaufen, aber er kann die Angst um die Seligkeit loswerden. Weber sagt dazu, "dass Gott dem hilft, der sich selbst hilft" (Bd1, S.131). Der Gläubige setzt sich damit unentwegt selbst unter Kontrolle, und das ist somit eine konsequente Methode, um die gesamte Lebensführung zu gestalten.

Der Geist des Kapitalismus

Weber sucht nach konstitutiven Bestandteilen die den „Geist des modernen Kapitalismus“ zu dem gemacht haben, was er heute ist. Hierzu muss er zunächst einmal klären, was er unter „Geist des modernen Kapitalismus“ versteht.

Für ihn ist dieser „Geist“ zunächst ein historischer Begriff, der aus seinen einzelnen, der geschichtlichen Wirklichkeit entnommen Bestandteilen komponiert wird. (Bd.I, S.39) Diesen Begriff betrachtet Weber nur unter den Gesichtspunkten, die für die Bearbeitung dieses Gegenstandes wesentlich sind. So kann es sich auch nur um "eine provisorische Veranschaulichung" dessen, was hier mit dem „Geist des modernen Kapitalismus“ gemeint ist, handeln. (Bd.I, S.40)

Kapitalismus ist nach Weber das Streben nach Gewinn, nach Rentabilität – im kontinuierlich, rational arbeitenden Betrieb. Aber auch: die Bedingung schrankenloser Erwerbsgier. So versteht Weber den kapitalistischen Wirtschaftsakt als Ausnutzung von Tausch-Chancen in formell friedlicher Weise.(Bd.I, S. 12/13) Drei historische Entwicklungen markieren für ihn Meilensteine im Heranwachsen des Kapitalismus:

  1. Trennung von Haushalt und Betrieb
  2. rationale Buchführung
  3. Trennung von Privat- und Betriebsvermögen (Bd.I, S.17)

Um nun dem „Geist des modernen Kapitalismus“ näher zu kommen, vergleicht Weber Aussagen Benjamin Franklins und Jakob Fuggers zum eigenen Verständnis von Geschäftsklugheit. Der amerikanische Naturforscher und Politiker Franklin zu diesem Thema: Nach Weber ist Franklin vom „Geist des modernen Kapitalismus“ durchdrungen – auch wenn nicht alles, was diesen „Geist“ ausmacht, im oben aufgeführten enthalten ist. In dieser „Philosophie des Geizes“ entdeckt Weber nicht nur „Geschäftsklugheit“ sondern eine "eigentümliche Ethik". (Bd.I, S.42)

Beim Reichsgrafen und Bankier Jakob Fugger dagegen, der das größte Bankhaus des Frühkapitalismus leitete, sieht Weber als Ursache dessen Geschäftigkeit, ausschließlich kaufmännischen Wagemut und eine persönliche, sittlich indifferente Neigung. Als Beleg führt er ein Ausspruch des J. Fugger an, den dieser gegenüber einem Geschäftskollegen tat, der ihn aufforderte sich zur Ruhe zu setzen, da er doch nun genug verdient hätte. Fugger:

"er [Fugger] hätte viel einen anderen Sinn, wollte gewinnen, dieweil er könnte, ..." (Bd.I S.43)

Die "eigentümliche Ethik" des Benjamin Franklins ist es, was nach Weber den „Geist des (Früh-)Kapitalismus“ vom „Geist des modernen Kapitalismus“ unterscheidet. Im Weiteren versucht er den Elementen dieser Ethik auf die Spur zu kommen.

Als das Zentrale dieser Ethik sieht er den

"Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlich aller eudämonistischen [glückselige] oder gar hedonistischen [lustorientierten] Gesichtspunkten entkleidet, so rein als Selbstzweck gedacht, dass es als etwas gegenüber dem "Glück" oder dem "Nutzen" des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint" (Bd.I, S.44)

Diese Umkehrung des „natürlichen“ Sachverhalts enthält nach Weber "...zugleich eine Empfindungsreihe, welche sich mit gewissen religiösen Vorstellungen eng berührt". (Bd.I, S. 44)

Als Zeuge für diese These führt er erneut B. Franklin an, der als Grund seiner Philosophie auf einen häufig gehörten Ausspruch seines streng calvinistischen Vaters verweist

"Siehst du einen Mann rüstig in seinen Beruf, so soll er vor Königen stehen"
Die Hochschätzung des Berufes ist ein ganz zentrales Element dieser "eigentümlichen Ethik". Weber spricht von der Berufspflicht als "...in gewissem Sinne ... von konstitutiver Bedeutung" (für die „Sozialethik“ der kapitalistischen Struktur) (Bd.1, S.45)

Er beschreibt die Berufspflicht als

"eine Verpflichtung, die der Einzelne empfinden soll und empfindet gegenüber dem Inhalt seiner beruflichen Tätigkeit, gleichviel worin sie besteht, gleichviel insbesondere, ob sie dem unbefangenen Empfinden als reine Verwertung seiner Arbeitskraft oder gar nur seines Sachgüterbesitzes ("als Kapital") erscheinen muß" (Bd.1, S.45)

Hier stellt sich "Beruf" als absoluter Selbstzweck dar. Im Gegensatz dazu die vorkapitalistisch, traditionalistische Vorstellung, in der der Bedarf der Zweck und die Arbeit das Mittel ist, diesen Zweck zu erreichen – und zwar mit einem Minimum an Leistung. Diese traditionalistische Vorstellung verdeutlicht Weber u.a. am Beispiel von Landarbeitern. Diese arbeiten bei Erhöhung des Akkordlohnes (in Mark je Morgen) entsprechend der Erhöhung weniger, da sie ja nun mit geringerem Aufwand die Mittel für ihren Bedarf erwirtschaften. (Bd.1, S.50)

Bemerkenswert an der obigen Aussage zur Berufspflicht ist auch, dass Weber die Verwertung von Arbeit und die Verwertung von Sachkapital als Beruf betrachtet.

Wie schon oben erwähnt, sieht Weber den Gelderwerb um des Erwerbens willen als weiteres zentrales Element des „modernen kapitalistischen Geistes“ an. Bedeutend deshalb, weil nur so die notwendigen Kapitalien angesammelt werden konnten, die den Kapitalismus forcierten.

Dieses Sammeln von Kapitalien, war deswegen notwendig, weil der gewerbliche Mittelstand, nach Weber der wesentliche Träger des „modernen kapitalistischen Geistes“, in der Regel nicht über volle Geldtruhen verfügte.

Diesem aufstrebenden Mittelstand stellt Weber das traditionalistisch geführte Unternehmen gegenüber, dessen Arbeitsweise er an einem Verleger der Textilindustrie verdeutlicht. Diese ist gekennzeichnet durch:

Er verweist aber auch auf folgendes: "Die absolute und bewußte Rücksichtslosigkeit des Gewinnstreben stand oft ganz hart gerade neben strengster Traditionsgebundenheit" (Bd. 1, S.48)

Dieser Ausspruch soll noch mal auf die Bedeutung der Ethik als Element des „modernen Kapitalistischen Geistes“ hinweisen.

Zur Beziehung zwischen „Geist“ und Wirtschaftsform trifft Weber folgende Aussagen:

"Die kapitalistische Form einer Wirtschaft und der Geist, in dem sie geführt wird, stehen zwar generell im Verhältnis „adäquater“ Beziehung, nicht aber in dem einer „gesetzlichen“ Abhängigkeit voneinander" "weil jene Gesinnung („Geist des modernen Kapitalismus“) in der modernen kapitalistischen Unternehmung ihre adäquateste Form, die kapitalistische Unternehmung andererseits in ihr die adäquateste geistige Triebkraft gefunden hat." (Bd.1, S.54)

So stellt er auch fest: "Die Frage nach den Triebkräften der Expansion des modernen Kapitalismus ist nicht in erster Linie eine Frage nach der Herkunft der kapitalistisch verwertbaren Geldvorräte, sondern vor allem nach der Entwicklung des kapitalistischen Geistes" (Bd.1, S. 58).

Okzidentaler Rationalismus und protestantische Ethik

Für Weber stellt sich die Frage, welche Bedingungen gegeben sein müssten, um zu den von ihm behandelten konstitutiven Bestandteilen des „modernen kapitalistischen Geistes“ zu kommen.

Zunächst füllt Weber auf, dass die kapitalistisch fortgeschrittensten Regionen am häufigsten im Okzident anzutreffen sind. Dies führt er auf eine eher systematisch, rationale Grundhaltung des Okzident zurück, die er an einigen Beispielen versucht zu erläutern.

So verweist er auf die, im Gegensatz zu anderen Regionen (Indien, China, Babylonien, Ägypten) mathematische Durchdringung der Naturwissenschaften – schon bei den "Hellenen". Diese gelten auch als „Erfinder“ der Idee des "rationalen Beweises" (Bd. 1, S.9).

Im Bereich der Geschichtsschreibung nennt Weber China, das hier ohne das thukydideische Pragma auskommt (Bd. 1,S. 10)

Als weiteres benennt Weber die systematische Staatslehre nach Aristoteles und die juristischen Schemata und Denkformen des Okzidents, die auf römisches Recht basieren – und bis in die heutige Zeit Einfluss auf das okzidentale Geschehen haben.

An dieser Stelle führt Weber auch das kanonische Recht (Kirchenrecht) an, das nach ihm in dieser systematischen Form nur im Okzident existiert (Bd.1, S.10).

Als nächstes bezieht Weber die oben genannten Punkte auf die Form des Kapitalismus, die im Okzident seiner Meinung nach existiert. Er möchte herausfinden, wie es im Okzident zur Entstehung des bürgerlichen Betriebskapitalismus mit seiner rationalen Organisation der freien Arbeit kommt (Bd.1, S.18).

Die Entwicklung technischer Möglichkeiten, basierend auf mathematisch und experimentell exakten, rational fundierten Naturwissenschaften nennt Weber als erstes. Die kapitalistische Verwertbarkeit der Technik als ein Ausfluss der okzidentalen Sozialordnung, deren wichtigste Bestandteile wiederum die rationale Struktur des Rechts und der Verwaltung – also berechenbar – sind, führt Weber als nächstes an (Bd.1, S.19).

An dieser Stelle macht er auf die Probleme aufmerksam, welche die Begriffe „rational“ und „irrational“ aufwerfen. Je nachdem unter welchen Blickpunkten Handlungen betrachtet werden, können sie „rational“ bzw. „irrational“ sein (Bd.1, S.20).

Da jede Kultur ihre eigene Rationalität entwickelt, kommt es für Weber zunächst darauf an, die besondere Eigenart des modernen okzidentalen Rationalismus zu erkennen und ihre Entstehung zu erklären. Hierfür ist neben den konomischen Bedingungen das Augenmerk auf "die Fähigkeit und Disposition der Menschen zu bestimmten Arten praktisch-rationaler Lebensführung" (Bd.1, S.20/21) zu richten. Diese Lebensführung wird im wesentlichem durch magische oder/und religiöse Mächte geformt, die bestimmte ethische Pflichtvorstellungen entwickeln (Bd.1, S.21).

So stellt sich für Weber die Frage nach dem Zusammenhang zwischen modernem Wirtschaftsethos (= „Geist des modernen Kapitalismus“) und religiöser Ethik. Ausgehend von der Behauptung, dass Kapitalbesitz und höhere technische Arbeiter und Angestellte mehrheitlich protestantisch sind, konzentriert er sich auf die "rationale Ethik des asketischen Protestantismus". Hier beschreibt er dann die bemerkenswerten Parallelen insbesondere des Berufsbegriffs und der Pflicht zur Genügsamkeit des asketischen Protestantismus, wie er bei Calvin u.a. zu finden ist, mit den konstitutiven Bestandteilen des „modernen kapitalistischen Geistes“ Beruf und Erwerb als Selbstzweck.

Ein Beispiel soll die Bedeutung des Religiösen für die kapitalistische Entwicklung zeigen. Hier werden junge, unverheiratete Frauen, die besonders schwer zu rationalem arbeiten zu erziehen sind, anderen gegenüber gestellt, die pietistisch erzogen worden sind. Deren "zentrale Haltung: sich der Arbeit gegenüber verpflichtet zu fühlen, finden sich hier besonders oft vereint mit strenger Wirtschaftlichkeit, die mit dem Verdienst und seiner Höhe Überhaupt rechnet, und mit einer nüchternen Selbstbeherrschung und Mäßigkeit, welche die Leistungsfähigkeit ungemein steigert" (Bd.1, S.53).

Weber versucht zu belegen, dass aus dem „Geist des Kapitalismus“ durch Einfluss – im Wesentlichen – der protestantischen Ethik der „Geist des modernen Kapitalismus“ entstanden ist.

In diesem Zusammenhang ist die Frage: "Was war zuerst da: der „Geist des modernen Kapitalismus“ oder der „moderne Kapitalismus" von entscheidender Bedeutung. Ließe sich belegen, dass der „Geist“ vor dem modernen Kapitalismus eine bedeutende Verbreitung erfahren hat, wäre dies zu mindestens ein wichtiges Indiz für den Einfluss des „Geistes“ auf die "Expansion" des modernen Kapitalismus.

Weber behauptet, "das jedenfalls ohne Zweifel im Geburtsland Benjamin Franklins (Massachusetts) der „kapitalistische Geist“ (in unserem hier angenommenen Sinn) vor der „kapitalistischen Entwicklung“ da war..."

Es liegt also, vom materialistischen Standpunkt aus betrachtet, eine Umkehr des Kausalverhältnisses, zumindest in diesem Fall vor (Bd.1, S.46).

Weiterhin verweist Weber aber auch auf die starke Bedeutung des Religiösen für das alltägliche Leben im Spätmittelalter und zu Beginn der Neuzeit (Bd.1, S.166). Um den Zusammenhang von asketischem Protestantismus und „Geist“ zu beleuchten, konzentriert er sich auf einen, seiner Meinung nach bedeutenden Prediger des 16. Jahrhunderts, den englischen Puritaner Richard Baxter und dessen "Kompendium der puritanischen Moraltheologie", „Christian Directory“. Wichtige Elemente dieser Moraltheologie sind:

aber "Nicht Arbeit an sich, sondern rationale Berufsarbeit ist eben das von Gott verlangte" (Bd.1, S.171).

So trug, nach Weber, der Puritanismus "das Ethos des rationalen bürgerlichen Betriebs und der rationalen Organisation der Arbeit" (Bd.1, S.174)

Dieser Protestantismus verpflichtet den Einzelnen, zum Ruhme Gottes, Besitztum zu erhalten und durch rastlose Arbeit zu vermehren - beides wesentliche Bestandteile des „modernen kapitalistischen Geistes“. In diesem Zusammenhang weist Weber darauf hin, dass "die Genesis dieses Lebensstils" in einzelnen Wurzeln, wie auch bei anderen Bestandteilen, bis ins Mittelalter zurück reicht (Bd.1, S.179).

Für Weber ist aber nicht die bloße Begünstigung der Kapitalbildung die wichtigste Folge puritanischer Lebensauffassung, sondern durch sie bedingte "Tendenz zu bürgerlicher, ”konomisch rationaler Lebensführung". Genau diese Lebensführung führt nach ihm zum "modernen Wirtschaftsmenschen" als Träger der kapitalistischen Expansion (Bd.1, S. 182).

Zur Zeit Webers hat sich die Ethik von ihren religiösen Fesseln befreit - der „kapitalistische Geist“ bedarf dieser Stütze nicht mehr. Diese Entwicklung hatte der Mitbegründer der Methodisten, John Wesley, schon voraus gesehen. Nachdem er feststellte, das durch Religion Arbeitsamkeit und Sparsamkeit, und somit auch Reichtum ganz automatisch gefördert wurde, kommt er zu dem Schluss, dass so zwar die Form der Religion bleibt, aber der Geist allmählich schwindet (Bd.1, S. 183)

Die Erziehung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber findet heute durch Auslese statt. Wer gegen die Normen des Kapitalismus verstößt, scheidet aus dem Erwerbsprozess aus.

Literatur




     
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