WEB LEXIKON: Ein Blick zurück
Hauptseite | Aktueller Wikipedia-Artikel

Der Untergang des Abendlandes



Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte ist das kulturphilosophische Hauptwerk von Oswald Spengler mit dem er das moderne Bild der Geschichte nachhaltig beeinflusst hat. Der erste Band (Gestalt und Wirklichkeit ) wurde 1918 in Wien herausgegeben, der zweite Band (Welthistorische Perspektiven) 1922 in München.

Mit dem Untertitel des Buches wird die von Spengler zugrunde gelegte These deutlicher zusammengefasst als durch den beunruhigende Haupttitel: Weltgeschichte als zyklisches Werden und Vergehen von Kulturen und Zivilisationen, unabhängig und isoliert voneinander, folglich ohne Möglichkeit des kulturellen Austauschs – womit Spengler im Widerspruch zur linearen Geschichtstheorie und dem daraus abgeleiteten stetig zunehmenden Entwicklungsstand der Menschheit steht.

Der Haupttitel hingegen verweist mehr auf einen griffigen und publikumswirksamen Teilaspekt des Themas, der sich aus der Morphologie der Weltgeschichte notwendig ergebenden Zukunft des eigenen kulturellen und zivilisatorischen Umfelds. Angeregt zu dem Titel wurde Spengler bereits 1912 durch Otto Seecks Buch Geschichte des Untergangs der antiken Welt, 1895ff.

Table of contents
1 Die These
2 Prognose und Irrtum
3 Synopse
4 Ausgaben
5 Literatur

Die These

Spengler versteht Kulturen als große Organismen, die den bei allen ausgebildeteren Organismen vorhandenen Entwicklungsstufen Jugend, Erwachsensein und Alter, oder Blüte, Reife und Verfall unterliegen (Morphologie), ein Ablauf, der bei den kulturellen Organismen ebenso zwangsläufig sei wie bei den biologischen, und aus dem es somit kein Entrinnen geben kann (Determinismus).

Die aus der Biologie ausgeliehenen Begriffe übersetzt Spengler für seine Zwecke mit

Dieser immer wieder grundsätzlich gleiche Ablauf (Homologie) lässt es nach Spengler zu, strukturell gleichzeitige Phasen verschiedener Kulturen zu definieren und nebeneinander zu stellen – so zum Beispiel seine abendländische Gegenwart oder jüngere Vergangenheit von Napoleon bis zum Ende der Wilhelminische Epoche und dem Ersten Weltkrieg, in dem der erste Teil des Werks entstand, gegenüber der Spätzeit der griechisch-römischen Antike nach Alexanders Eroberungszügen bis zum Aufkommen des Cäsarismus auf der anderen Seite: ein Vergleich, bei dem sich die Zukunft der abendländischen Kultur – Niedergang, Verfall, Erlöschen – von Anfang an suggestiv aufdrängt.

Nach Spengler gab es bislang acht Kulturen:

  1. die ägyptische (einschließlich der kretisch-minoischen),
  2. die babylonische,
  3. die indische,
  4. die chinesische,
  5. die antike (apollinisch genannte griechisch-römische),
  6. die arabische (magische, inklusive der frühchristlichen und byzantinischen, die ihre Frühzeit unter dem umgestürzten Baum der antiken Kultur verbringen musste, und daher eine Pseudomorphose erlebt, eine Truggestalt annimmt, die irgendwann bewusst abgeworfen wird – in diesem Fall durch die Araber),
  7. die abendländische (faustische, seit etwa 900, die derzeit in das Stadium der Zivilisation übergeht) und
  8. die mexikanische,
sowie mit der russischen eine weitere, im Entstehen begriffene, die das gleiche Problem mit seiner Entfaltung habe wie die arabische, sich aber bereits mit der petrinischen Phase ihrer Geschichte, also mit Peter dem Großen von der Überlagerung durch die abendländische Kultur befreit habe.

Großen Einfluss hatte Spengler mit seinen Ideen auf Arnold J. Toynbee und – mit einem wesentlich kritischeren Abstand – P. A. Sorokin, während Spengler selbst, wie aus seinem Nachlass ersichtlich, in den letzten Lebensjahren seinen Ansatz soweit überdachte, dass er in seinen Schlussfolgerungen gemäßigter wurde, das (unhaltbare) Leugnen kultureller Kommunikation zwischen den Kulturen aufgab und damit eine Entwicklung der Menschheit als Ganzes, für die er nun ein vierstufiges Konzept von Mutation und Differentiation sah, akzeptierte.

Prognose und Irrtum

Der erste Band des Werkes wurde 1917 fertiggestellt und sollte dem Ziel dienen, dem Deutschen Reich nach dem Sieg im Weltkrieg den Weg in eine große imperiale und imperialistische Zukunft zu zeigen. Aber auch nach der Niederlage noch sieht Spengler in Preußen den Staat, der den Vergleich mit dem Römischen Kaiserreich aushält, wenn es darum geht, die (in diesem Fall abendländische) Kultur nach ihrem Übergang in die Zivilisation in einem Imperium zusammenzuhalten – ein Irrtum, der nicht überraschen kann, angesichts eines preußisch-konservativen Hintergrunds, der in dem Dreiklang Pflicht, Ordnung, Gerechtigkeit Spenglers Beifall findet, und der in völligem Gegensatz zum liberal-parlamentarischen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit steht, den Spengler zeitlebens abgelehnt hat.

Knapp Hundert Jahre nach dem Beginn der Arbeiten an diesem Buch stellt sich die Frage nach der Zukunft der abendländischen Kultur in einem anderen Rahmen. Wenn man Spenglers Ansatz folgen will, kann die Frage, wer in der Lage ist, die abendländische Zivilisation mit einem imperialistischen Ansatz zusammenzuhalten, als beantwortet gelten.

Der nächste Schritt in der von Spengler prognostizierten Entwicklung ist die Herausbildung einer für diese Zivilisation spezifischen Art des Cäsarismus, die sich nach seiner Beschreibung immer dann ankündigt, wenn bei der Auswahl der politischen Führung nicht mehr Programme und Inhalte, sondern nur noch Personen, ihr Charisma und die Wirkung ihrer öffentlichen Auftritte zählen.

Synopse

Bei den folgenden Angaben handelt es sich inhaltlich um Zitate aus dem Buch

I. Gleichzeitige Geistesepochen

Frühling: Landschaftlich-intuitiv. Mächtige Schöpfungen einer erwachenden traumschweren Seele. Überpersönliche Einheit und Fülle

1. Geburt eines Mythos großen Stils als Ausdruck eines neuen Gottgefühls. Weltangst und Weltsehnsucht

2. Früheste mystisch-metaphysische Gestaltung des neuen Weltblicks. Hochscholastik

Sommer: Reifende Bewusstheit. Früheste städtisch-bürgerliche und kritische Regungen

3. Reformation: Innerhalb der Religion volksmäßige Auflehnung gegen die großen Formen der Frühzeit

4. Beginn einer rein philosophischen Fassung des Weltgefühls. Gegensatz idealistischer und realistischer Systeme

5. Bildung einer neuen Mathematik. Konzeption der Zahl als Abbild und Inbegriff der Weltform

6. Puritanismus: Rationalistisch-mystische Verarmung des Religiösen

Herbst: Großstädtische Intelligenz. Höhepunkt strenggeistiger Gestaltungskraft

7. Aufklärung: Glaube an die Allmacht des Verstandes. Kultus der Natur. Vernünftige Religion

8. Höhepunkt des mathematischen Denkens. Abklärung der Formenwelt der Zahlen

9. Die großen abschließenden Systeme der Idealismus, der Erkenntnistheorie und der Logik

Winter: Anbruch des weltstädtischen Zivilisation. Erlöschen der seelischen Gestaltungskraft. Das Leben selbst wird problematisch. Ethisch-praktische Tendenzen eines irreligiösen und unmetaphysischen Weltstädtertums

10. Materialistische Weltanschauung: Kultus der Wissenschaft, des Nutzens, des Glücks

11. Ethisch-gesellschaftliche Lebensideale: Epoche der Philosophie ohne Mathematik. Skepsis

12. Innere Vollendung der mathematischen Formenwelt. Die abschließenden Gedanken

13. Sinken des abstrakten Denkertums zu einer fachwissenschaftlichen Katheder-Philosophie. Kompendienliteratur

14. Ausbreitung einer letzten Weltstimmung

II. Gleichzeitige Kunstepochen

Vorzeit: Chaos urmenschlicher Ausdrucksformen. Mystische Symbolik und naive Imitation

Kultur: Lebensgeschichte eines das gesamte äußere Sein formenden Stils. Formensprache von tiefster symbolischer Notwendigkeit

I. Frühzeit: Ornament und Architektur als elementarer Ausdruck des jungen Weltgefühls: „Die Primitiven“

1. Geburt und Aufschwung. Aus dem Geiste der Landschaft erwachsende, nicht bewusst geschaffene Formen

2. Vollendung der frühen Formensprache. Erschöpfung der Möglichkeiten und Widerspruch

II. Spätzeit: Bildung einer Gruppe städtisch-bewusster, gewählter, von Einzelnen getragener Künste: „Die großen Meister“

3. Ausbildung eines reifen Künstlertums

4. Äußerste Vollendung einer durchgeistigten Formensprache

5. Ermatten der strengen Gestaltungskraft. Auflösung der großen Form. Ende des Stils „Klassizismus und Romantik“

Zivilisation: Das Dasein ohne innere Form. Weltstadtkunst als Gewohnheit, Luxus, Sport, Nervenreiz. Schnellwechselnde Stilmoden (Wiederbelebungen, willkürliche Erfindungen, Entlehnungen) ohne symbolischen Gehalt

1. „Moderne Kunst“. Kunst-„Probleme“. Versuche, das Weltstadtbewusstsein zu gestalten und zu reizen. Verwandlung von Musik, Baukunst und Malerei in bloßes Kunstgewerbe

2. Ende der Formentwicklung überhaupt. Sinnlose, leere, erkünstelte, gehäufte Architektur und Ornamentik. Nachahmung archaischer und exotischer Motive

3. Ausgang. Ausbildung eines starren Formenschatzes. Prunken der Cäsaren mit Material und Massenwirkung. Provinziales Kunstgewerbe

III. Gleichzeitige politische Epochen

Vorzeit: Primitiver Völkertypus. Stämme und Häuptlinge. Noch keine „Politik“. Kein „Staat“

Kultur: Völkergruppe von ausgeprägtem Stil und einheitlichem Weltgefühl: „Nationen“. Wirkung einer immanenten Staatsidee

I. Frühzeit: Organische Gliederung des politischen Daseins. Die beiden frühen Stände: Adel und Priestertum. Feudalwirtschaft der reinen Bodenwerte

1. Lehnswesen. Geist des bäuerlichen Landes. Die „Stadt“ nur Markt oder Burg. Wechselnde Pfalzen der Herrscher. Ritterlich-religiöse Ideale. Kämpfe der Vasallen untereinander und gegen den Fürsten

2. Krisis und Auflösung der patriarchalischen Formen: vom Lehnsverband zum Ständestaat

II. Spätzeit: Verwirklichung der gereiften Staatsidee. Die Stadt gegen das Land: Entstehung des Dritten Standes (Bürgertum). Sieg des Geldes über die Güter

3. Bildung einer Staatenwelt von strenger Form. Fronde

4. Höchste Vollendung der Staatsform („Absolutismus“). Einheit von Stadt und Land („Staat und Gesellschaft“, die „drei Stände“)

5. Sprengung der Staatsform (Revolution und Napoleonismus). Sieg der Stadt über das Land (des „Volkes“ über die Privilegierten, der Intelligenz über die Tradition, des Geldes über die Politik)

Zivilisation: Auflösung der jetzt wesentlich großstädtisch veranlagten Volkskörper zu formlosen Massen. Weltstadt und Provinz: Der Vierte Stand (Masse), anorganisch, kosmopolitisch

1. Herrschaft des Geldes (der „Demokratie“). Wirtschaftsmächte die politischen Formen und Gewalten durchdringend.

2. Ausbildung des Cäsarismus. Sieg der Gewaltpolitik über das Geld. Zunehmend primitiver Charakter der politischen Formen. Innerer Zerfall der Nationen in eine formlose Bevölkerung. Deren Zusammenfassung in ein Imperium von allmählich wieder primitiv-despotischem Charakter.

3. Heranreifen der endgültigen Form: Privat- und Familienpolitik von Einzelherrschern. Die Welt als Beute. Ägyptizismus, Mandarinentum, Byzantinismus. Geschichtsloses Erstarren und Ohnmacht auch des imperialen Mechanismus gegenüber der Beutelust junger Völker oder fremder Eroberer. Langsames Heraufdringen urmenschlischer Zustände in eine hochzivilisierte Lebenshaltung.

Ausgaben

Literatur




     
Das Web Lexikon "Ein Blick zurück" bietet die Moeglichkeit auf einfache Art und Weise in den "alten" Wikipedia-Beiträgen zu blättern. Das Lexikon spiegelt den Stand der freien Wikipedia-Enzyklopädie vom August 2004 wider. Sie finden hier in rund 120.000 Artikel aus dieser Zeit Informationen, Erklärungen, Definitionen, Empfehlungen, Beschreibungen, Auskünfte und Bilder. Ebenso kommen Begriffserklärung, Zusammenfassung, Theorie, Information, Beschreibung, Erklärung, Definition und Geschichte nicht zu kurz. Ein Lexikon das Auskunft, Bericht, Hinweis, Bedeutung, Bild, Aufklärung, Darstellung und Schilderung zu unterschiedlichsten Themen kompakt auf einer Seite bietet.
Impressum ^ nach oben ^