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Brennnesseln



Brennnesseln

Große Brennnessel (Urtica dioica)
Systematik
Unterklasse: Dillenienähnliche (Dilleniidae)
Überordnung: Urticanae
Ordnung: Brennnesselartige (Urticales)
Familie: Brennnesselgewächse (Urticaceae)
Tribus: Urticeae
Gattung: Brennnesseln (Urtica)
Arten (Auswahl)
  • Große Brennnessel (U. dioica)
  • Kleine Brennnessel (U. urens)
  • Pillenbrennnessel (U. pilulifera)
  • Sumpfbrennnessel (U. kioviénsis)
  • Geschwänzte Brennnessel (U. dubia)
  • Sibirische Hanfnessel (U. cannabina)
Die Brennnesseln (Urtica) bilden eine Gattung in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) und gehören somit zu den zweikeimblättrigen Blütenpflanzen (Magnoliopsida). In Mitteleuropa sind etwa 45 Arten dieser Gattung anzutreffen.

Table of contents
1 Botanische Merkmale
2 Verwendung
3 Systematik
4 Literatur
5 Weblinks

Botanische Merkmale

Beschreibung

Brennnesseln werden je nach Art, Standort und Nährstoffsituation zehn bis 250 Zentimeter hoch. Ihre Stängel sind zumeist unverzweigt und mit Brenn- sowie, artabhängig, Borstenhaaren besetzt.

Die auf der Oberseite ebenfalls behaarten, länglichen Blätter sind bis zu acht Zentimeter lang und von tiefgrüner Farbe, nach vorne zugespitzt, am Ansatz herzförmig und am Rande meist grob gesägt. Innerhalb einiger Arten gibt es jedoch auch Vertreter mit glattrandigen Blättern, dieses Merkmal wird etwa bei der Pillenbrennnessel (Urtica pilulifera) rezessiv vererbt. Diese glattrandigen Pflanzen ähneln dem Majoran und waren besonders im 18. Jahrhundert als "Spanischer Majoran" Mittelpunkt einiger derber Scherze. Bei den meisten Arten sind die Blätter kreuz-gegenständig angeordnet und besitzen häufig kleine Nebenblätter in den Blattachseln. Hier stehen auch die Blüten.

Die länglichen, in Rispen stehenden, winzigen bis kleinen, unauffälligen Blüten sind von weißer, gelegentlich blass-violetter Farbe und locken keine Insekten als Bestäuber an. Die Blüten sind vorwiegend eingeschlechtlich, enthalten also entweder die männlichen Staubbeutel oder einen weiblichen Fruchtknoten. Männliche und weibliche Blüten können auf einer Pflanze (einhäusig) oder auf verschiedenen Pflanzen (zweihäusig) anzutreffen sein. Die Blüte selbst setzt sich meist aus vier Blütenblättern (seltener können auch zwei bis fünf vorkommen) und einer ebenso großen Anzahl von Staubbeuteln zusammen. Der Fruchtknoten liegt zentral in der Blüte und wird von nur einem Fruchtblatt gebildet.

Die Vermehrung erfolgt vorwiegend vegetativ über Rhizome, ansonsten sind die Pflanzen windbestäubend, wenn sich die männlichen Hüllblätter öffnen, schnellen ihre Staubblätter hervor; dabei wird explosionsartig eine Wolke von Pollen in die Luft geschleudert. Der Wind überträgt anschließend den Pollen auf die weiblichen Blüten.

Die daraus hervorgehenden oval elliptischen Früchte sind ein bis zwei Millimeter groß und werden als Nüsschen bezeichnet.

Die mit den Brennnesseln nicht verwandte Taubnesseln und die Goldnessel sehen der Brennnessel in Wuchs und Blattform sehr ähnlich, besitzen aber keine Brennhaare und sehr viel größere Blüten.

Brennhaare

Bekannt und unbeliebt sind die Brennnesseln wegen der schmerzhaften Quaddeln, die bei der Berührung der Brennhaare entstehen. Diese sitzen am Stiel und unter den Blättern. Sie besitzen an ihrer Spitze ein Köpfchen, das verkieselt ist und ganz oben einen kleinen Widerhaken besitzt. Die Basis der Haare wird von Zellen tieferer Gewebeschichten umstanden.

Wird das Köpfchen abgerissen, reißt es Teile des Brennhaares mit und funktioniert es zu einer Art Splitter um. Dieser bohrt sich in die Haut und entleert den in ihm enthaltenen Cocktail aus Serotonin, Histamin, Acetylcholin, Methansäure und Natriumformiat. Der Hauptwirkstoff, der für die Quaddelbildung verantwortlich ist, ist bislang nicht bekannt. Bereits ein Zehntausendstel Milligramm dieser Brennflüssigkeit reicht aus, um die bekannte Wirkung zu erzielen.

Verbreitung

Die Brennnesseln sind nahezu weltweit verbreitet, sie fehlen nur in Permafrostgebieten. Einzelne Arten sind nicht überall zu finden, die Große Brennnessel (Urtica dioica) zum Beispiel fehlt in den Tropen, in Südafrika, auf den Balearen und auf Kreta.

Die Große Brennnessel kommt schwerpunktmäßig in Stauden- und ausdauernden Unkrautfluren vor, aber auch in Bruch- und Auenwäldern. Sie ist eine Zeigerpflanze für hohe Stickstoff-Vorkommen im Boden und besiedelt als Pionierpflanze sehr schnell unbewachsene Flächen. Viele Arten leben auch als Bodenpflanzen, vornehmlich in tropischen und subtropischen Wäldern.

Schmetterlingsweide

Für rund 50 Schmetterlingsarten sind die Brennnesseln eine Raupen-Futterpflanze. Die Schmetterlingsarten Admiral, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Silbergraue Nessel-Höckereule, Dunkelgraue Nessel-Höckereule, Brennnessel-Zünslereule und das Landkärtchen sind dafür sogar auf die Brennnessel angewiesen, andere Pflanzen kommen für diese Arten nicht in Betracht. Trotzdem scheinen sich diese Schmetterlingsarten kaum gegenseitig Konkurrenz zu machen, denn sie bevorzugen jeweils andere Wuchssorten der Brennnessel oder sind relativ selten.

Beide Arten benötigen überdies größere Brennnesselbestände.

Verwendung

Die Brennnessel in der Küche

Junge Brennnesseltriebe können wie Spinat als Blattgemüse zubereitet und, sofern sie ganz jung sind, sogar im Salat verwendet werden. Am bestem schmecken die ersten, etwa 20 Zentimeter langen Triebe im Frühjahr. In Mitteleuropa, unter anderem den Niederlanden, Luxemburg, Österreich und Deutschland werden Brennnesseln auch zur Herstellung von Brennnesselkäse verwendet.

Früher wurde gelegentlich Butter, Fisch und Fleisch in Brennnesselblätter gepackt, um sie länger frisch zu halten. Tatsächlich verhindern die Wirkstoffe der Brennnessel die Vermehrung bestimmter Bakterien. Diese Praxis ist sogar gerichtsnotorisch: 1902 wurde eine Berliner Milchhändlerin wegen der Brennnesselblätter in ihrer Milch wegen Lebensmittelverfälschung angeklagt. Mit der Begründung, dass dies ein „allgemein geübtes Verfahren“ sei, wurde die Händlerin jedoch freigesprochen. In Russland gab man Brennnesseltriebe in das Futter von Küken und Kälbern, damit sie schneller wuchsen. Den Brennnesselhärchen kann man begegnen, indem man die Triebe kurz in ein heißes Wasserbad taucht oder ihnen eine kräftige Dusche verabreicht.

Die Brennnessel in der Pflanzenheilkunde

Die mehrjährige Große Brennnessel (Urtica dioica) ist eines der ältesten Heilkräuter mit einem breiten Wirkungsspektrum und gilt heute längst nicht mehr nur als Unkraut, sondern auch unter Wissenschaftlern wieder als eine "Königin unter den Heilpflanzen".

Die Brennnessel enthält als wirksame Bestandteile viel Vitamin C und Provitamin A, Caffeoyl-Chinasäuren, z. B. Caffeoyl-Apfelsäure, Mineralsalze, besonders Kalzium- und Kaliumsalze, Gerbstoffe wie Kiesel- und Ameisensäure, Magnesium, Eisen, Chlorophyll, Schleim, Acetylcholin, Wachs und ätherische Öle sowie biogene Amine wie Histamin und Serotonin als Bestandteil des Nesselgiftes. Sie wirkt blutreinigend, blutbildend und harntreibend.

Die Caffeoyl-Chinasäuren wirken schmerzlindernd, adstringierend und entzündungshemmend, was die Medizin vor allem zur Linderung von Arthroseschmerzen und Gelenkrheumatismus nutzt; außerdem werden Brennnesseln therapeutisch eingesetzt bei Erkrankungen der Atmungsorgane und Magen-Darm-Katarrh mit Kolikschmerzen.

Für die harntreibende Wirkung sind vor allem die Kaliumsalze verantwortlich. Besonders die Wurzel gilt als wichtiges Mittel bei Prostatabeschwerden, da sie die Prostata entstaut, wodurch das Urinieren leichter fällt. Auch andere Erkrankungen der Harnorgane werden mit Brennnesselpräparaten behandelt. Bei Blutarmut soll die kurmäßige Einnahme von Brennnesselsaft helfen.

Daneben setzt die Volksmedizin die Brennnessel zur Anregung des Milchflusses bei Stillenden, bei Haarausfall, Hautausschlägen, Allergien, Osteoporose und Wechseljahrsbeschwerden sowie bei Blutarmut und Erschöpfung ein. In Milch gekochte Wurzeln werden gegen Ruhr und Durchfall empfohlen. Früher kam die Brennnessel auch zur Bekämpfung und Vorbeugung von Skorbut zum Einsatz.

Noch im Zweiten Weltkrieg sollen Brennnesseln zum Verbinden infizierter Wunden verwendet worden sein, um den Heilungsprozess zu beschleunigen.

Die Heilpflanze wird in Form von Kapseln, Drageés, Presssäften und Tees angeboten.

Warnhinweis: Bei eingeschränkter Herz- und Nierentätigkeit sollte eine Durchspülungstherapie nur nach Rücksprache mit einem Arzt erfolgen!

Die Brennnessel in der Ethnobotanik

Die lange Geschichte der Brennnessel als Heilpflanze und Nahrungsmittel führt dazu, dass es eine Vielzahl ethnobotanischer Traditionen und Ansichten über die Pflanze gibt, die teils dem Bereich der Mythen und des Aber- und Wunderglaubens entstammen.

Einige der Bräuche:

Die Brennnessel in der Fasergewinnung und als Färbepflanze

Die Fasern der Pflanzenstängel vor allem der Großen Brennnessel eignen sich zur Herstellung von Fasern und Stoffen wie zum Beispiel dem Nesseltuch, das fester als Leinen ist, ebenso wie für Netze und Stricke. Die Einzelfasern der Brennnessel können dabei maximal 250 Millimeter betragen, bei Zuchtformen konnte man eine durchschnittliche Faserlänge von 52 Millimetern erreichen. Heute wird das Nesseltuch jedoch vorwiegend aus den Fasern der nahe verwandten Ramie (Boehmeria nivea) hergestellt.

Lange Zeit gehörte die Brennnessel zu den Färbekräutern. Wolle konnte man mit ihr, nach Vorbeizen mit Alaun, wachsgelb färben. Eine Zinnvorbeize, Kupfer-Nachbeize und ein Ammoniak-Entwicklungsbad erzielt ein kräftiges Graugrün. Man benötigt etwa 600 Gramm Brennnessel pro 100 Gramm Wolle; besonders bei der Brennnessel kann der Farbton vom Zeitpunkt des Pflückens und Färbens abhängen.

Die Brennnessel im Gartenbau

Die Brennesseln finden insbesondere im biologischen Gartenbau vielfältige Verwendung. Ein scharfer Kaltwasserauszug (nur 24 Stunden angesetzt) ist ein hervorragendes Pflanzenstärkungsmittel, da die enthaltene Kieselsäure die Zellwände der damit gegossenen Pflanzen festigt und sie so gegen den Befall beißender wie saugender Insekten stärkt. Eine Jauche löst zusätzlich noch den Stickstoff der Brennessel sowie Spurenelemente heraus und hat dadurch hervorragende Düngewirkung. Die anfallenden Reste können im Kompost optimal verwertet werden.

Systematik

Die Gattung der Brennnesseln unterteilt sich in zahlreiche Arten, von denen in Mitteleuropa vier vorkommen. Die bekanntesten sind die Große Brennnessel (Urtica dioica) und die Kleine Brennnessel (Urtica urens); außerdem existieren hier noch die Röhricht-Brennnessel (Urtica kioviensis) und die aus dem Mittelmeerraum eingeschleppte Pillenbrennnessel (Urtica pilulifera), deren gelegentliche mitteleuropäische Vorkommen auf die Kulturflucht aus Kräutergärten zurückzuführen ist, in denen sie wegen ihrer schleimigen Samen kultiviert wurde.

Gattung Brennnesseln (Urtica)

Literatur

Renate Spannagel: Heilkraut Brennessel., München, 1998
  • Heidelore Kluge: Brennessel, 2001
  • Eva Hanke, Ernst Wegner: Brennessel, München, 1999

  • Weblinks


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    Beurteilung:
    Exzellenter Artikel
    




         
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