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Biografieforschung



Die Biografieforschung ist in der Soziologie ein Forschungsansatz der Qualitativen Sozialforschung und befasst sich mit der Rekonstruktion von Lebensverläufen und zugrunde liegender individuell vermittelter, gesellschaftlicher Sinnkonstruktionen auf der Basis biografischer Erzählungen oder persönlicher Dokumente. Das Textmaterial besteht in der Regel aus verschriftlichten Interviewprotokollen, die nach bestimmten Regeln ausgewertet und interpretiert werden.

Table of contents
1 Geschichte der Biografieforschung
2 Methoden und Probleme der Biografieforschung
3 Literatur
4 Weblinks

Geschichte der Biografieforschung

Einzelfallbezogene Biografieforschung

Biografien, auch Autobiografien enthielten seit ihrem Aufkommen in der Antike immer schon soziologische Erörterungen. Zumeist behandelten sie politisch, künstlerisch oder in anderen Lebensbereichen heraus ragende Einzelpersönlichkeiten; doch gab es auch Ausnahmen wie Ulrich Bräkers Der arme Mann im Tockenburg. Mit dem Aufkommen der
Soziologie drangen ihre Sichtweisen in das Blickfeld ihrer Autoren; ausgesprochene Sozio-Biografien Einzelner blieben aber bis heute selten (z. B. Silbermann über Jacques Offenbach, Clausen/Clausen über Leopold Schefer, Elias über Wolfgang Amadeus Mozart).

Biografieforschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die biografische Methode als Untersuchungsansatz für größere Gruppierungen wurde zuerst von F. Znaniecki ab den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts in die polnische Soziologie eingeführt und dort über Jahrzehnte hinweg als dominanter Forschungsansatz der empirischen Sozialforschung entwickelt und ausgebaut. Der von Thomas und Znaniecki publizierten Untersuchung über die polnischen Bauern in Polen und den Vereinigten Staaten liegt eine umfangreiche Sammlung von Tagebüchern, Briefen, Memoiren, Autobiografien und Verwaltungsdokumenten zugrunde, die thematisch geordnet und interpretiert werden. Die Rezeption dieser Arbeit geschah aufgrund der sprachlichen Hindernisse zuerst langsam, wurde dann aber im Social Science Research Council (SSRC) aufgenommen und verbreitet. Der biografische Forschungsansatz bildete eine wichtige Grundlage für die Entwicklung der Chicagoer Schule, die später den symbolischen Interaktionismus hervorbrachte. Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Biografieforschung stellten die von Cliford R. Shaw 1930 und 1931 verfassten Analysen von Lebensläufen straffälliger Jugendlicher dar. Nach 1945 das Interesse an der Biografieforschung und wurde die sich entwickelnde quantitative Sozialforschung und den strukturfunktionalistischen Theorieansatz zurück gedrängt, bei dem das System und nicht das handelnden Individuum im Zentrum der Betrachtung stand. Lediglich in der Devianzforschung ging der biografische Ansatz nie ganz verloren. 1978 publizierte Aaron Victor Cicourel eine Fallstudie zur Lebensgeschichte eines Jungen namens Mark, die in der Sozialarbeit breite Aufmerksamkeit fand. Cicourel weist in seiner Untersuchung im Einzelnen nach, wie durch die polizeilichen Vernehmungen, durch einseitige und verfälschte Interpretationen und Akteneintragungen dem Jugendlichen durch die Behörden eine kriminelle Karriere aufgezwungen wurde und er rekonstruiert aus den Materialien die reale Biographie des Jungen.

Neuere Biografieforschung

Seit den 80er Jahren erlebte die Biografieforschung im Zuge einer erstarkenden qualitativen Sozialforschung einen neuen Aufschwung und entwickelt sich zu einem anerkannten Forschungsansatz in der Soziologie (siehe M.Kohli, W.Fuchs und andere). Unterstützt wurde diese Entwicklung von einer tendenziellen Abkehr des Fokus soziologischer Betrachtung von System und Struktur hin zu Lebenwelt, Alltag und Akteur und das Wiederaufleben phänomenologischer Theorieansätze. Sie wandte sich auch wieder einzelnen, sonst unauffälligen, aber als exemplarisch wertvoll erachteten Fallstudien von Lebensläufen zu.

Mit der zunehmenden Pluralisierung der Lebenswelten, der Modernisierung und Differenzierung der postmodernen Gesellschaften, der Auflösung traditioneller Werte und Sinngebung stellte sich gegen die Jahrtausendwende die Sinnhaftigkeit biografische Analyse in einer neuen Dringlichkeit dar. Der Akteur wurde zu einem Schnittpunkt unterschiedlicher und teilweise divergierender Anforderungen, Teilsystemlogiken, Erwartungshaltungen, normativer Leitbilder und institutionalisierten Regulierungsmechanismen (vgl. Georg Simmels "Schnittpunkt sozialer Kreise"). Die "Normalbiografie" löste sich auf und entließ den Einzelnen in die Notwendigkeit, seinen Lebenslauf in eigener Regie zu managen und Lösungen für die unterschiedlichen und sich widersprechenden Einflussfaktoren und Figurationen zu finden. In dieser Situation wird die selbsterfundene biografische Identität mit ihren gefährdeten Übergängen, Brüchen und Statuswechselnwechseln zu einem Konfliktfeld zwischen institutioneller Steuerung und individueller Handlungsstrategie. In einem DFG-Sonderforschungbereich "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf" an der Universität Bremen wurde in den Jahren 1998-2001 die Dynamik des modernen Lebenslaufregimes empirisch erforscht. Die Ergebnisse inzwischen öffentlich zugänglich gemacht worden. Andere Ansätze in der Biografieforschung, die phänomenologischen und gestalttheoretischen Theorieansätzen nahe stehen, verfolgen weniger den institutionellen und gesellschaftlichen Aspekt der Lebenslaufkonstruktion als mehr die individuellen, gesellschaftlich mitkonstituierten Strukturen und generativen Regeln der Konstruktion von Lebenssinn, der Verarbeitung von Brüchen, Gefährdung und Anderssein in biografischen Verläufen. (siehe Rosenthal 1995).

Methoden und Probleme der Biografieforschung

Einzelfall-Approach versus Verallgemeinerung

Die Biografieforschung ist im Rahmen der qualitativen Forschungsansätze als Einzelfallaproach zu bewerten, die am häufigsten verwendete Methode der Datenerhebung ist das narrative Interview und/oder das offene Leitfadeninterview. Mit der Wahl, Einzelfallstudien durchzuführen, ist eine Herangehensweise an das Forschungsfeld bezeichnet und nicht eine Methode. Die Biografieforschung bedient sich bei der Datenauswertung nicht einer einzelnen Methode, sondern ist als Forschungsansatz zu verstehen, in dem verschiedene Methoden angewendet und adduktiv kombiniert werden. Grundsätzlich entsteht aus der Ausrichtung auf Einzelfälle die Frage nach den Möglichkeiten der Verallgemeinerung von Aussagen mit wissenschaftlicher Gültigkeit zu stellen. Die Vorgehensweise von einem Fall oder auch mehreren Fällen auf gesellschaftliche relevante, allgemeine Verhaltenss-, Handlungss- und Deutungsmuster zu schließen ist bisher nicht vollkommen ausgearbeitet. Ansätze gibt es zur methodischen Entwicklung von Typen und vergleichenden Typisierungen des Datenmaterials (vgl. z.B. Uta Gerhard 1984). Weiterhin finden inhaltsanalytische Methoden Anwendung.

Erlebte und erzählte Lebensgeschichte

Ein grundsätzliches Problem besteht auch in der Differenz zwischen der tatsächlichen, der erlebten und der erzählten Lebensgeschichte. In den frühen Studien der Biografieforschung wurde großer Wert darauf gelegt, aus zusätzlichem Quellen (Verwaltungsakten, Chroniken, Darstellungen Dritter usw.) den tatsächlichen Verlauf der Biografie zu rekonstruieren und somit "Fehlerquellen" in der Erinnerung und Darstellung durch den Befragten auszuschalten. Heute geht man - entsprechend der phänomenologischen "Einklammerung" des Seins der Objekte - davon aus, dass der tatsächliche, erlebte Verlauf nicht rekonstruiert werden kann, dass die Erlebnisse immer schon in der Wahrnehmung interpretiert werden und in der Rückerinnerung im Rahmen der Gesamtbiografie eine Einordnung erlangen. Gegenstand der biografischen Forschung kann und soll daher die wahrgenommene und erinnerte Biografie - im Unterschied zum Lebenverlauf - sein. Von Interesse sind gerade die Deutungen und Sinnkonstruktionen, die als Leistung des Individuums die eigene Biografie zu einem kohärenten Zusammenhang konstituieren und konstruieren.

Rekonstruktion latenterer Sinnstrukturen

Die Frage nach den Sinnkonstruktionen führt weiter zur Frage nach den subjektiv gemeinten und objektiv statthabenden Sinn. Ein Handelnderder produziert nach Ulrich Oevermann in einer Situation aber immer mehr und anderen Sinn als er wahrnimmt. Als Aufgabe der Biografieforschung wird daher von einigen Biografieforschern die Rekonstruktion beider Arten von Sinngebungen betrachtet. Hinter und unter dem von den Befragten geäußerten Interpretationen liegen die latenten Sinnstrukturen, die den Lebenssinn konstituieren und sich in den einzelnen Lebenssituationen ausbuchstabieren. In diesen latenten, verborgenen Sinnmusternn vermitteln und verflechten sich individuelle Erfahrung und gesellschaftliche Bedingtheit und geben dem Leben hinter dem Rücken der Akteure eine Richtung und einen Handlungsrahmen vor. Als methodisches Verfahren zur Rekonstruktion der latenden Sinnstrukturen kommen in der Biografieforschung die Objektive Hermeneutik und die Strukturale Rekonstruktion nach Heinz Bude zur Anwendung.

Literatur

Weblinks




     
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