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Berlinisch



Berlinisch (Berlinerisch) ist ein Dialekt des Berlin-Brandenburgischen, der in Berlin gesprochen wird. Berlinisch entwickelte sich aus einer Variante des Mark-Brandenburgischenen. Es weist allerdings einige stadttypische Formulierungen auf, die auf die vielfältigen Herkunftsorte von Zugezogenen hinweisen, darunter Hugenotten aus Frankreich.

Die Umgebung der Stadt Berlin war eine der ersten, die das Ostniederdeutsche als Schriftsprache (1500) und später auch als Umgangssprache aufgaben. So entstand der wohl erste Dialekt des Standardhochdeutschen mit klarer mitteldeutscher Basis, aber starkem niederdeutschen Substrat. Erst in jüngster Zeit griff dieser neue Dialekt auf das Umland über, das bis dahin ostniederdeutsch geblieben war.

Table of contents
1 Sprachliche Besonderheiten
2 Kulturelle Besonderheiten
3 Satzbeispiele
4 Entwicklung
5 Schreibung
6 Weblinks

Sprachliche Besonderheiten

Berlinisch hat durch den Zuzug vieler Bevölkerungsgruppen eine Reihe von Worten aufgenommen, die sonst nicht im Deutschen Sprachraum geläufig sind. Durch die starke sprachliche Verschleifung ist die Herkunft oft kaum zu erkennen. Eine Reihe von Worten entstammen auch dem Rotwelsch.

Die Grammatik und dazugehörende Syntax weichen zum Teil deutlich von der Hochsprache ab. Adverben und Adjektive können problemlos wechselweise gebraucht werden, z.b. `ne zue Tür` (eine geschlossene Tür) oder `komm oben` (komm herauf). Die Konjunktionen erscheinen in alter Form, also `als wie` (wie), `denn` (dann), `wenn` (wann), `wie` (als), `worum` (warum). Der Akkusativ und Dativ werden kaum unterschieden (Akkudativ), und auch Genitiv-Formen werden durchweg durch präpositionale Akkudativ-Formen ersetzt, zum Teil noch mit eingefügtem Pronom, z.B. `dem sein Haus`. Die Pluralformen gehen oft auf zusätzlichen -s, Verkleinerungsformen enden auf -ken oder -sken. Darüberhinaus sind dutzende weitere Formen zu bemerken.

Die Lautung hat viele Besonderheiten. Zugezogene bemerken zuerst den Ersatz von g zu j, und der meisten Doppellaute zu langem Einfachlaut (au zu oo, ei zu ee). Tatsächlich kann man daran Altberliner und Neuberliner unterscheiden - etwa das "g" wird eigentlich in gutturale (kehlige) Laute verschleift, vor Konsonanten und dunklen Vokalen klingt dies wie "j". Die "Augen" klingen in berlinischer Lautung dagegen ähnlich wie "Oorhen", bleiben für Altberliner dabei trotzdem lautlich unterscheidbar von "Ohren", da ein hochsprachliches "r" weniger kehlig gesprochen wird (fast wie "h"), und oft ganz entfällt. Ohne Gewöhnung kann man diesen Unterschied aber gar nicht bemerken (ähnlich wie Chinesen den Unterschied l/r nicht heraushören).

Kulturelle Besonderheiten

Der Berliner Dialekt ist weniger wegen seiner sprachlichen Besonderheiten bekannt, sondern wegen seiner kulturellen Besonderheiten. Berlin ist seit Jahrhunderten eine Zuwandererstadt, die oft in kurzer Zeit stark angewachsen ist, und mit heute sechs Millionen im Berliner Raum (Stadt und direktes Umland) zu den Globalmetropolen zählt. In dem Multikulti-Wirrwarr entstehen täglich Dutzende oder gar Hunderte von alltäglichen Kleinkonflikten, wo eben irgendwas irgendwie nicht den Erwartungen entspricht. Das Berlinische hat nun die Fähigkeit entwickelt, Situation derb-humorig zu kommentieren, ohne schwere Schimpfworte einzusetzen oder gar in lauthalse Diskussionen zu verfallen.

Für Zugezogene ist dieser Umstand immer verwirrend - viele leicht abwertende Bemerkungen entstehen durch Vergleich, etwa "sieht hier aus wie bei Hempels unterm Sofa". Jetzt ist die Frage, wie reagiert man als Angesprochener darauf, denn eine angesprochene Person erscheint nicht in dem Satz. Das ist durchaus auch bezweckt, denn oft ist es dem Sprecher ziemlich egal, wie es bei Hempels wirklich unterm Sofa aussieht, aber das musste doch mal gesagt sein, um sich von dem Anblick zu erholen (und abzureagieren). Wenn es ausgesprochen wurde, ist es auch schon fast wieder vergessen.

"Na man Du hast heut aba wieder 'ne Kodderschnauze", ist sowohl negativ wie positiv gemeint. Kodderig steht für übel sein (vom Befinden), und gleichzeitig für frech, unverschämt. Ne koddrige Schnauze ist ein "loses Mundwerk", das zu allem und jedem "seinen Senf beigeben muss" (seine (überflüssigen) Kommentare dazugeben muss). Eine Randbemerkung ist so nicht ursächlich beleidigend gemeint, auch wenn sie in anderen Kreisen nur gesagt würde, wenn sie beleidigen soll. Es ist reine Gewöhnungssache, über viele Sätze hinwegzugehen, und wenn man nicht sprachlos bleiben mag, einfach einen Satz zurückzugeben.

Die so entstehenden "Gespräche" sind auch heute viel in den Berliner Straßen zu hören, wenn auch nicht im Dialekt sondern in hochsprachlicher Lautung. Im Vergleich hört sich das dann aber immer etwas gezwungen an, jemanden anranzen (grob zurechtweisen) klingt im Dialekt immer lockerer und unbekümmerter. Die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten gehören so zusammen, und werden auch außerhalb Berlins miteinander in Verbindung gesehen. Wer berlinert, dem traut man auch ein paar lose Sprüche zu.

Satzbeispiele

Entwicklung

Lange Zeit wurde das Berlinische (oder Berlinerisch wie der Berliner sagt) als Verballhornung des Hochdeutschen betrachtet, diese Sicht ergab sich gerade auch durch den allgegenwärtigen Sprachwitz der Berliner, der gern mit Verschiebungen aufgeschnappter Begriffe arbeitet - die Redensart "Det zieht wie Hechtsuppe" wurde zurückgeführt auf jiddisch "hech supha (Sturmwind)", ein "na zum Bleistift" kommt klar von "zum Beispiel", und "mir is janz blümerant" soll von französisch "bleu mourant (blassblau)" kommen. Durch die weitgehende Verwendung von Begriffen des Hochdeutschen gab es auch nie eine Notwendigkeit für eine schriftliche Gebrauch, und es blieb eine
Mundart.

Erst zu Anfang der 1980er hat man zur 750jahr Feier die Etymologie des Dialektes in der damals geteilten Stadt erneut untersucht. Dabei wird offenbar, dass die einfache Regel "ei"->"ee" nicht allgemein zutrifft, sondern "ei" bleibt bei altem "i" (wie im niederdeutschen) erhalten. Auch bei anderen Gelegenheiten wird nun eine niederdeutsche Grundlage gesehen, die oft gerügte mangelnde Unterscheidung von Akkusativ und Dativ (scherzhaft Akkudativ) folgt der Nichtexistenz dieser Fälle im neueren Niederdeutschen, wo es nur einen Objektiv als dritten und letzten Kasus gibt (dort aus dem skandinavischen eingesickert).

So nimmt man heute an, dass in Berlin als wichtiger Handels- und Verwaltungsmetropole ein erhöhter Druck zur Verwendung des Hochdeutschen bestand, der auch auf die Bediensteten, Arbeiter und Mägde übergriff. So war die Stadt Berlin und Umgebung die erste, die das Ostniederdeutsche als Schriftsprache (1500) und später auch als Umgangssprache aufgab. So entstand der wohl erste Dialekt des Standardhochdeutschen mit klarer mitteldeutscher Basis, aber starkem niederdeutschen Substrat.

Erst in jüngster Zeit griff dieser neue Dialekt auf das Umland über, das bis dahin ostniederdeutsch geblieben war. Die Berlin-Brandenburgischen Dialekte haben sich so klar aus dem ostniederdeutschen Mark-Brandenburgisch entwickelt, werden heute jedoch oft dem ostmitteldeutschen zugeordnet, dem sie durch die Überformung näher stehen.

Der Druck zum Hochdeutschen besteht auch heute durch den wiedererlangten Status Berlins als gesamtdeutsche Hauptstadt. Die Zuwandererwelle (Ende 1990er) von Bonner Rheinländern hat den Berliner Dialekt bisher nicht angenommen, den Dialekt der zugewanderten Schwaben (Mitte 1990er) ist auch Anfang 2000er viel zu hören. Die zugewanderten Russlanddeutschen (Anfang 1990er) haben einen eigenen Dialekt entwickelt, der erst langsam ins Berlinische übergeht. Auch heute werden Sprache und Kulturszene in Berlin von solchen Zuwandererwellen geprägt, und lässt die verwendete Umgangssprache unbeständig bleiben. Im Schnitt hat nur ein Viertel der Berliner auch Eltern, die schon in Berlin geboren sind.

Schreibung

Bei der schriftlichen Fixierung des Berlinischen herrscht immer wieder Unsicherheit, da jeder Sprecher auch tatsächlich die Lautung verschieden stark einsetzt, und je nach Gelegenheit stärkere hochdeutsche Lautung oder stärker berlinernde Lautung einsetzt. Da es keinen kommunalen Konsens zur schriflichen Fixierung gibt, sind folgende einfache Regeln nur als eine Möglichkeit unter vielen zu sehen.

Weblinks




     
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