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Anarchie



Der aus dem Griechischen (anarchos = ohne Anführer) abgeleitete Begriff Anarchie bedeutet eigentlich Abwesenheit von Herrschaft, wird aber auch in weiteren, verwandten Bedeutungen gebraucht. Der Philosoph Immanuel Kant sprach positiv von "Ordnung ohne Herrschaft", distanzierte sich dann jedoch davon und setzte Anarchie gleich mit Rechtsbeliebigkeit und dem daraus folgenden Recht des Stärkeren. Kant hat freilich nur den Beginn des europäischen Anarchismus erlebt, nicht seine Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Es fragt sich daher, was für ein Gewicht sein Wort heute noch hat. Seine Definition Ordnung ohne Herrschaft erfüllt die Bedingung der Bedeutsamkeit weder für Kants Werk noch für den Begriff Anarchie.

  1. Als Anarchie wird heute eine bewusst herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet, das heißt, eine Gesellschaft ohne Bevormundung.
  2. Von den Anarchisten als Gegenmodell zur bestehenden Staatsgewalt angestrebte Gesellschaftsform, siehe Anarchismus.
  3. Anarchie wird als Synonym zu politischem und gesellschaftlichem Chaos oder Gesetzlosigkeit (Anomie) verwendet. In den Nachrichten heißt es dann z.B.: "In Bagdad ist die Anarchie ausgebrochen!" In Wirklichkeit handelt es sich aber nicht um Anarchie im erstgenannten Sinn, sondern nur um die kriegerische Zerstörung der irakischen Staatsgewalt durch die US-amerikanische.
  4. Im politischen Geschäft die Praxis, die politischen Gegner als Anarchisten zu beschimpfen; wurde bereits zur Zeit der Französischen Revolution praktiziert.
  5. Logischerweise gab es die Anarchie als Gesellschaftsform historisch vor dem Beginn der Herrschaft. In den so genannten Naturvölkern sind Beispiele der anarchischen Urgesellschaft bewahrt geblieben, etwa bei den Mbuti am Ituri.
  6. Der Historiker Arnold Toynbee sprach von der "politischen Anarchie der souveränen Staaten". Er sah in ihr die größte Gefahr für die Zukunft der Menschheit. Denn Staatsregierungen fühlen sich an kein übergeordnetes Gesetz gebunden und handeln allein im so genannten nationalen Interesse, wenn andere Staatsregierungen sie aus Opportunismus oder Schwäche nicht daran hindern. Herrschaft ist territorial begrenzt und garantiert nur in diesem Rahmen mehr oder weniger gesetzliche Ordnung. In welthistorischer Perspektive hat die staatliche Ära die Anarchie der Urgesellschaft nur vergröbert und vergrößert bis zur globalen Anarchie heute. Die UNO und andere internationale Institutionen wie z. B. die Internationalen Gerichte in Den Haag sowie die Mundialisierung durch das Internet und andere wissenschaftliche, technische und ökonomische Entwicklungen deuten wie Toynbees Warnung darauf hin, dass die staatliche Ära zu Ende geht und den Gesetzen der Weltgesellschaft Platz machen muss.

Bekannte "Anarchisten" waren u. a. Michail Bakunin, Emma Goldmann, Peter Kropotkin, Pierre Joseph Proudhon, Errico Malatesta, Max Stirner und Erich Mühsam.

Literatur

Horst Stowasser: Leben ohne Chef und Staat; Kramer, Berlin; 2003; ISBN 3879561206

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